Preisgekrönter Autor Donal Ryan © Anthony Woods

Preisgekrönter Autor Donal Ryan © Anthony Woods

Die Blase ist geplatzt. Die Rezession hat auch das kleine Dorf in Irland erreicht. Die örtliche Baufirma, die das gesamte Dorf ernährt hat, ist pleite, der korrupte Jungchef hat sich abgesetzt. Die Abgaben an die Behörden hat er behalten, die Löhne ist er schuldig geblieben. Aus 21 Stimmen formt Donal Ryan das differenziertes Portrait einer Gemeinschaft zwischen Wut und Angst.

Durch die einfühlsame Geschichte eines Außenseiters, „Die Sache mit dem Dezember“, ist der irische Schriftsteller Donal Ryan, gelernter Bauingenieur und Jurist, auch im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht. Im englischsprachigen ist er das schon seit er mit „The Spinning Heart“ sein Debüt vorgelegt hat. Jetzt ist diese virtuos geschriebene Geschichte einer Dorfgemeinschaft unter Schock ebenfalls übersetzt und beweist, dass Ryan keine literarische Eintagsfliege ist.

Ryan,1976 geboren, fesselt nicht nur durch seinen ruhigen, nur scheinbar unbeholfenen Stil, den milden Humor und die warmherzige Vorstellung seiner Charaktere, sondern auch durch den außergewöhnlichen Aufbau des Plots. Es gibt keinen Erzähler, sondern die Dorfbewohner, betroffen vom Einbruch der örtlichen Baufirma, von der das Dorf gelebt hat, erzählen selbst. Irische Dorfansicht. Nur für die Postkarte romantisch. © Archiv

Männer und Frauen, vom Kind bis zum Greis, vom bisher beliebten Sonnyboy bis zum verspotteten Außenseiter, Helden und Feiglinge, Zornige und Depressive, Aggressive und Schreckensstarre berichten in Monologen und Dialogen, Träumen und Erinnerungen von Trauer und Rachegefühlen, von Angst, Wut und Hoffnungslosigkeit – vom verpatzten Leben. Lang unterdrückte Gefühle machen sich Luft, nie Gesagtes sprudelt hervor. Die Krise hat alle verändert. Gewalt liegt in der Luft, immer schärfer werden die Stimmen, immer enger zieht sich das Netz aus Geheimnissen, Vermutungen, Tratsch und Klatsch zusammen. Familiäre Zwistigkeiten brechen auf, die Welt zerbricht und Verbrecher nutzen das Unglück anderer, um zu Geld zu kommen. Bald liegt Mord in der Luft.

In den knappen Auftritten, die jeder Stimme gewidmet sind, wird oft ein ganzes Leben ausgebreitet und in den Gedanken der einen begegnen wir den Berichten der anderen. Der Wechsel der Stimmen (jede singt ihre individuelle Melodie) erlaubt auch einen Wechsel der Perspektiven und allmählich setzt sich ein Bild des Innenlebens eines Dorfes und seiner Bewohnerinnen zusammen. Ryan schafft es der Krise ein Gesicht zu geben und den Leserinnen das Gefühl, dass so ein Desaster auch sie jederzeit treffen kann.

Burg in Tpperary, wo Ryan geobren ist. © ArchivAuch das Banale erhält bei Ryan seinen Glanz. Ohne pathetisch zu sein, erzählt der dissonante Chor gewöhnliche Geschichten ungewöhnlich fesselnd. Buchcover © Diogenes

Die Bekanntschaft mit dem Vorarbeiter Bobby und seiner Frau Triona, dem zugewanderten Wasja, der kleinen Millicent und all den anderen, die reden, reden, reden müssen, um das Unfassbare zu begreifen, diese Bekanntschaft ist ein Leseabenteuer der besonderen Art. Nichts Außergewöhnliches wird da erzählt, doch auf außergewöhnliche Weise. Eine warme Empfehlung!

Donal Ryan: Die Gesichter der Wahrheit (The spinning Heart) übersetzt von Anna-Nina Kroll, Diogenes, 2016. 243 S. € 22,70.
Die Sache mit dem Dezember (The Thing about December) übersetzt von Anna-Nina Kroll, Diogenes, 2015, 259 S. € 22,50.