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Wenn der Körper erzählt, leuchtet das Gehirn

Der Betrieb: The Season of Narrativess, Prgrammbroschüre.

Anna erzählt (besser: ist) ein Drama, wider Willen wird zur Retterin. Manchmal muss sie darüber lächeln, dann fürchtet sie sich wieder und ist selbst am Ende der Kräfte. Die gesamte Geschichte spiegelt sich in ihrem Gesicht. Ich sehe das Drama vom eher komischen Anfang bis zur Auflösung des Knotens. Es ist die Season of Narratives, in Der Betrieb sind die Fenster geputzt und die Tür ist offen.

The Season of Narratives ist die 8. Staffel hat Der Betrieb wieder die blau gestrichene Tür geöffnet. Zu Musik und Begegnung gesellt sich in der neuen Spielzeit auch das Wort, der Text. Die Geschichten, die im Körper sind, werden davor erzählt. Hinter vom Plafond herab fließenden Raumteiler lugt ein neugieriges Eichhörnchen hervor, Alex bleibt mit seiner roten Schimaske lieber unsichtbar, überlässt Stella das Feld, die nicht aufhören kann, ihre Geschichte zu zerpflücken. Ich sitze am Fenster vor mir die Darstellerin in Bewegung, hinter mir die gründenden und blühenden Bäume im Vogelweidpark. In The Season of Narratives darf man nachdenken, wie Geschichten sich verändern, verflechten, vervielfachen und jedes Mal (wie) neu sind.
Erzählt, gehört, gelesen, wieder erzählt, wieder gehört, wieder gelesen und wieder und wieder. und wieder. Ganz nach dem choreografischen Grundprinzip, der Betriebsgründerin Anna Maria Nowak und -gründer Alexander Gottfarb:  Repetition / Transformation / Duration. So schön reimt sich das auf Deutsch nicht: Wiederholung / Veränderung / Dauer. Dieses Prinzip hat Gottfarb schon 2018 mit den Tänzerinnen erarbeitet, als ein Jahr lang täglich, von Montag bis Sonntag, in einer Dauerperformance die Körper in Bewegung waren. Negotiations / Verhandlungen wurde damals, wie heute Der Betrieb, in einem leerstehenden Parterre-Lokal gezeigt. Auch vor acht Jahren galt schon das Prinzip: Kommen und gehen, wieder kommen, bleiben so lange man will, wieder gehen, wieder kommen, der Eintritt ist frei.
Jetzt also Geschichten erzählt mit Worten und Bewegung. Ein faszinierendes Unterfangen, das sich im Raum ausbreitet, von den Tänzerinnen auf die Zuseherinnen überspringt. Geschichten, ob persönliche Erinnerungen, erzählte oder aufgeschriebene Mythen, Berichte oder Märchen, sind keine starren Objekte, sondern flexibel und veränderbar, als wären sie Lebewesen. Die Geschichten, von Anna Mendelssohn mit den Darstellerinnen als Reden entwickelt, die persönliche Geschichten mit gesammeltem Material verweben.
Die von den Tänzerinnen zu Beginn ihres jeweiligen Auftritts gesprochen Reden sind festgeschrieben, doch im Körper werden sie verändert, wiederholt, variiert, transformiert. Und was Publikum damit macht, bleibt ihm überlassen.  

Jeder Auftritt wird genau vorbereitet, mit den unterschiedlichen Kostümen von Karin Pauer, die sich die Darstellerinnen immer wieder neu auswählen, ziehen eine neue Haut über, sind als Erzählerin ihrer Geschichte ein andere, doch die Erinnerungen an andere Auftritte in der Season of Narratives sind im Körper gespeichert, wirken ebenfalls weiter. Übrigens, geht am Nachmittag des 16. April in einer seidig glänzenden goldfarbenen Rüschenbluse durch den 2. Bezirk. Je tiefer ich in die erzählten und gezeigten Geschichten eintauche, desto weiter entfernt sich die Erzählerin, sie verliert ihre Individualität, die Geschichten weiten sich, verlieren ihre Oberfläche, erzählen nicht von einem persönlichen Erlebnis, einem selbst gelesenen Buch, sondern von der Welt. „Geschichten sind der Versuch, Wegweiser zu schaffen“, sagt Anna Mendelssohn in der farblich nicht wirklich gelungen (Silberschrift auf Orange, weiß auf Orange, rot auf Orange) Programmbroschüre. Und auch vom aufleuchtenden Gehirn erzählt sie: „Während du einer Geschichte zuhörst, beginn dein ganzes Gehirn aufzuleuchten. Es gibt diesen Begriff neuronale Kopplung, der beschreibt, dass das Gehirn einer Zuhörerin ähnlich aktiviert wird wie das der Erzählerin.“

Der Betrieb: The Season of Narratives, bis 16.5. 2026, Mittwoch bis Samstag, 14 bis 17 Uhr.
Künstlerische Leitung: Alexander Gottfarb
Choreografie und Tanz: Stella Covi, Alexander Gottfarb, Jolyane Langlois, Raul Maia, Anne Maria Nowak, Lena Schattenberg.
Text: Anna Mendelssohn in Zusammenarbeit mit den Performerinnen.
Musik & Komposition: Stephan Sperlich;  Kostüme: Karin Pauer; Management: mollusca Productions.
Fotos: Victoria Nazarova.
Eine Co-Produktion von Archipelago und brut Wien.