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Visionary Dances: Aus dem Corps an die Spitze

Die alternative Besetzung im dreiteiligen Ballettabend Visionary Dances verblüfft mit einer interessanten Rollenverteilung. Corps-Tänzerinnen haben Erste Solotänzer zum Partner und Erste Solotänzerinnen werden von Tänzern aus dem Corps de Ballet gehoben. Die 2. Vorstellung mit den ungewohnten Paarungen, am 14.4., hat dem Publikum hörbar gefallen. Tänzerinnen und Tänzer wurden mit Bravorufen belohnt. Ashley Taylor hat die erste Vorstellung in dieser Besetzung am 10.4. fotografiert, doch auch am 17. April sind die Bilder noch nicht freigegeben. Tut mir leid.
Es war ein fröhlicher Abend mit den Choreografien Heatscape von Justin Peck, Yugen von Wayne McGregor und In the Upper Room von Twyla Tharp unter dem Titel Visionäre Tänze. Im leicht verständlichen Eröffnungsstück, Heatscape, gibt die Komposition von Bohuslav Martinů, das Konzert für Klavier und Kammerorchester Nr. 1 D-Dur, den Takt an. in den ersten beiden Sätzen tanzt Alice McArthur (Corps de ballet) mit dem Ersten Solotänzer António Casalinho. Eine geglückte Paarung. Am 27. Mai wird die Titelrolle in Kenneth MacMillans Handlungsballett mit Casalinho (Des Grieux) tanzen. Im 2. Satz hat die Erste Solotänzerin Cassandra Trenary den aufstrebenden Corps-Tänzer Victor Cagnin als Partner. Cagnin, der in der Saison 2021/22 im Corps des Wiener Staatsballetts sein erstes Engagement erhalten hat, ist ein kräftiger, erfahrener Tänzer, der immer wieder auffällt. Es muss der Respekt vor der Partnerin sein, dass er wenig gelöst und etwas verkrampft gewirkt hat. Im dritten Satz von Martinůs, hinreißend interpretiert von Yoko Kikuchi, entzückt ein Pas de Trois: Junnosuke Nakamura, der seit der Spielzeit 2022/23 Mitglied des Corps de ballet ist, ist Partner der Halbsolistin Natalya Butchko; der Dritte im Bunde ist Solotänzer Vladyslav Bosenko.
Rund um die Solistinnen und mitten unter ihnen tanzt eine sportliche Gruppe, alle im blütenweißen Tennisdress. Die Stimmung dieses energetisch berauschenden Balletts feuert der viel beschäftigte amerikanische Lichtdesigner Brandon Stirling Baker an. Es ist nahezu ein Tagesablauf und unterschiedliche Temperaturen, die er mit Licht auf die Bühnenzauber: Morgen, Mittag, Abend, Nacht, wenn die Tänzerinnen müde zu Boden sinken. Zu Mittag wird es heißt, am Abend herrscht blaue Kühle. Für seine Arbeit am Broadway hat er einen Tony Award erhalten. Für Justin Peck, der bereits mit drei Tonys ausgezeichnet worden ist, hat er einige Ballette ausgeleuchtet.
Auch in Wayne McGregors einaktigem Ballett Yugen (Musik: Chichester Psalms von Leonard Bernstein) spielt das Licht von Lucy Carter eine wichtige Rolle, die Hierarchie in der Compagnie jedoch nicht. Alessandro Frola und Madison Young könnte man als Hauptpaar sehen, doch im Grunde ist Yugen ein Ballett für eine Gemeinschaft, die Gruppe von 11 Tänzerinnen. Und weil sie alle überzeugen, seien sie, wie auf dem Programmzettel alphabetisch aufgezählt: Alessandro Frola, Masayu Kimoto, Yelzaveta Lazovska (Krankenstandsvertretung im Corps seit 6. März), Sinthia Liz, Milda Luckuté, Alice McArthur, Kentaro Mitsumori, Kristián Pokorny, Arne Vandevelde, Rinaldo Venuti, Madison Young. Erste Solisten und Solistinnen, Solisten, Halbsolisten und Corps-Tänzerinnen bunt gemischt. Und, nicht zu vergessen, ein singender Knabe. Diesmal tritt Matteo Haudek aus dem Arnold Schoenberg Chor heraus, um den Psalm 23 zu singen. McGregor choreografiert nicht nur Bewegung und Musik, er choreografiert auch die Stille und die Pause. Das Publikum erträgt weder Stille noch Stillstand, es muss hinein gepascht werden und damit alles, die Stimmung, das beglückende Erlebnis, zerstört. Wen schert’s? Wichtig ist nur noch, dass die Kasse klingelt.
Die gute Laune stellt am Ende Twyla Tharp mit den sechs Stompers in Turnschuhen und den sechs Spitzententänzerinnen plus eine „Crossover Women“, die am Ende beide Gruppen vereint. In the Upper Room nennt sie das 1986 entstandene rasante Ballett, in dem Tharp ungeniert sämtliche Bewegungsmöglichkeiten mischt, nicht um Kontraste zu erzeugen, sondern um zu zeigen, dass Tanz viel mehr ist, als in 1970er Jahren üblich war. Zur Musik von Philip Glass entfalten sich die neun Teile der Choreografie ohne Unterbrechung. Keine Zeit zum Atemholen, keine Zeit, um die Stomper und die Tänzerinnen in Spitzenschuhen mit den Augen festzuhalten, schwindelerregend. Es ist als hingen alle 13 Tänzerinnen einem sich dehnenden und wieder faltenden Band, grade waren sie noch sichtbar, schon sind sie im Kulissengang verschwunden, kommen von der anderen Seite wieder hervor. Glass-Musik erzeugt einen Sog, (Philip Glass: In The Upper Room, CD, Twyla Tharp Foundation), der auch das Publikum erfasst. Auch hier spielt das Licht eine wichtige Rolle. Jennifer Tipton zeigt aus dem Hintergrund leuchtende breite Lichtbalken, die die leere Bühne in einen sanften Nebel hüllen, als Wesen aus einer anderen Welt kristallisieren sich die Tänzerinnen und Tänzer heraus. Der Oliver Award für „Outstanding Achievement in Dance“ war sowohl der Choreografin wie der Lichtdesignerin sicher. Allmählich versteht man auch den Titel: Der upper room, quasi das Obergeschoss, entsteht in den Köpfen der Zuschauerinnen, die sich willig der von Glass und den Tänzerinnen erzeugten Trance hingeben. Am Spitzenschuhe und Sneakers vereint sind, steigert sich die Musik zu einem Triumphorkan, eine Sopranstimme reißt Tänzerinnen und Publikum aus dem kontemplativen Dämmerzustand. Ungebrochener Jubel! Noch auf der Ringstraße und in der U-Bahn-Station sieht und hört man ein fröhlich, gackerndes und lachendes Volk.
Visionary Dances, 8. Aufführung, 14. April 2026
Heatscape
Choreografie. Justin Peck, Musik: Bohuslav Martinů
Musikalische Leitung: Gavin Sutherland; Klavier: Yiko Kikuchi
Bühne: Shephard Fairy; Kostüme: Reid Bertelme & Harriet Jung; Licht: Brandon Stirling Baker. Ballettmeister: Pimo Alosa.
Yugen
Konzept, Inszenierung und Choreografie: Wayne McGregor; Musik: Chichester Psalms von Leonard Bernstein; musikalische Leitung: Gavin Sutherland; Arnold Schoenberg Chor.
Bühne: Edmund de Waal
Kostüme: Shirin Guid; Licht: Lucy Carter; Ballettmeisterin: Louisa Rachedi.
In the Upper Room
Choreografie: Twyla Tharp; Musik: Philip Glass; Kostüme: Norma Kamali; Licht: Jennifer Tipton; Einstudierung: Shelley Washington; Ballettmeister: Marcelo Gomes.
Wiener Staatsballett in der Staatsoper
Fotos: © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor, doch ich kann sie nicht zeigen, weil sich im ganzen Universum des Wiener Staatsballetts keine(r) findet, die / der sie freigeben kann / will.