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Dichtung und Wahrheit im Nachtzug nach Edinburgh

Marta Pérez-Carbonell: Erfolgreiches Romandebüt. © Jeosm/ berlin

Ein Zug fährt durch die Nacht. Drei Reisende, ein bekannter Autor, sein Student und eine junge Frau trotzen dem Zufall der Begegnung, indem sie einander erzählen, was sie bewegt. Die Geschichten werden zu einem schillernden Puzzle, werden zu einem Roman, zum ersten Roman, der spanischen Literaturprofessorin Marta Pérez-Carbonell: Nada más ilusorio / Nichts könnte trügerischer sein. Ein Glücksfall. Schnell bin ich mittendrin in dem Gespinst aus Wörtern, Sätzen, Geschichten, wahr oder erfunden, real oder fiktiv.

Ein Zug fährt durch die Nacht. Drei Reisende vertrauen einander Geheimnisse an. © CaledonianlSleeper /wikimediaVon diesen Gesprächen und Geständnissen im Nachtzug lässt die Autorin Marta Perez-Carbonell die Übersetzerin Alicia berichten. Die intimen Geschichten der drei Personen im Zugabteil, verschachteln und verschlingen sich und sind noch lange nicht zu Ende, wenn der Zug am frühen Morgen in Edinburgh hält und Alicia sich von Terence Milton, dem Terry gerufenen Romanautor, und seinem Doktoranden Mick Boulder, Bou genannt, verabschiedet. Ein Wochenende pro Monat verbringt Alicia in Edinburgh. Im Bild die Altstadt. © edinburghtipps.de.Die anderen Mitreisenden  – Daniel, der Alicia Knall und Fall ohne ein Wort auf Sokotra, einer einsamen Insel im Indischen Ozean zurückgelassen hat; Hans, ein junger Freund Terrys, der verschwunden ist und Rocco, die Hauptfigur im aktuellen Roman von Terry, der womöglich der reale Hans ist. Ein Journalist hat den Verdacht geäußert, dass Milton Hans nicht erzählt hat, dass er ihn, seine Erzählungen und Geständnisse in Rocco schamlos ausgebeutet hat und Hans sich womöglich deshalb umgebracht hat –, bleiben unsichtbar.
Alicia erzählt von der Insel Sokotra, auf der sie ihr Freund Daniel allein gelassen hat. © diamir.deSo eine Nachtfahrt zwischen London und Edinburgh biete viel Zeit für viele Erzählungen. Alicia erzählt von ihrem gebrochenen Herzen, Terry berichtet von der Verdächtigung des Journalisten, er habe die Traumata, von denen Hans ihm erzählt hat, unerlaubt für seinen Roman verwendet, und bald befinden sich die Leserinnen in einem Labyrinth, weil die fiktive Geschichte von Rocco, dem Titelheld des Romans, sich mit der realen Geschichte von Hans kreuzt. der Autor erzählt seinen Roman. die fiktiven Figuren, ein Orofessor und ein junger Mann, Rocco, verbringen einen Urlaub auf Mallorca. © tripadvisor.atSo halb schlafend im Nachtzug möchte ich den realen Roman Nichts könnte trügerischer sein nicht als Lektüre im Gepäck haben. Während des Lesens, bei Tag oder nächtens taucht neben dem Bericht von Terrys Begegnung mit Hans und dessen Lebensgeschichte auch die Geschichte von Rocco auf. Rocco ist fiktiv, eine Romanfigur, Hans ist in der Erzählung von Alicia real. Doch im Grunde ist auch Alicia eine fiktive Figur, geschaffen von Marta. Ununterbrochen verschieben sich die Perspektiven. Obwohl Terry die Fiktion seines Romans betont, lese ich, den Professor ohne Namen im Roman Rocco als Terence Milton, und die Titelfigur als Hans. Alicia ist es übrigens genauso ergangen. Sie erzählt es Bou, der sie vor ihrer Haustür „ganz zufällig“ trifft:

„Ich habe die Geschichte auch in dem Gefühl gelesen, weiterhin im Zug zu sein, und als wäre diese Nacht entweder ein fiktionaler Schauplatz oder Rocco eine reale Geschichte.“  Bou antwortet:  „Das kenne ich … Was könnte realer und was könnte trügerischer sein als der Akt des Lesens‘.“

Ricardo Piglia,2011. Ein Zitat des argentinischen Auors hat Marta Pèrez-Carbonell zum Titel ihres Debütromans gemacht. © wikimedia wikimediaEin Zitat, das weder von Bou noch von Marta stammt, sondern vom argentinischen Schriftsteller Ricardo PIglia (1941–2017). Behauptet die Romanfigur Bou. Ich nehme einfach an, die reale Autorin Marta hat ihm diese Aussage in den Mund gelegt. Ich zweifle nicht daran. Nicht alles darf trügerisch sein. Es genügt, dass Realität und Fiktion immer wieder ineinander fallen.
Allerdings, für die Leserin sind alle Personen, von Terence Milton bis zu Donovan Seymour dem Journalisten, der Milton mit seiner Klatschgeschichte Angst vor einem Skandal und vermindertem Absatz seines Romans eingejagt hat, fiktiv. Es ist ein Roman, der von einem Roman handelt und auch von der Frage, wie weit ein Autor sich am Leben anderer satt essen darf. Der wunderbare Stand von Elisha auf Sokotra, den Alicia wegen des Herzbruchs nicht geniessen konnte. © tripadvisor.deNicht nur als Leserinnen leben wir von Geschichten aus anderen Leben, in die wir eintauchen und zu unseren machen. Wenn wir in Erinnerungen kramen, erzählen wir auch nur Geschichten, die sich bei jeder Erzählung verändern, als würden wir mit uns selbst „Stille Post“ spielen. Neurowissenschaftler sprechen oft davon, dass unser Gehirn die fleißigste Geschichtenerzählerin sei, weil es uns ständig logisch erscheinende Interpretationen der Wirklichkeit liefere. Nobelpreisträger Eric Kandel definiert auch das Gedächtnis als Erzählerin. Der Monclea-Platz mit dem Siegesbogen. Im Viertel Moncloa arbeitet die Übersetzerin Alicia im home office. © wikimediaOhne Gedächtnis, meint er, kein Ichbewusstsein. „Wir sind das, woran wir uns erinnern“, sagt er. Doch die Erinnerung ist eine Geschichte, die sich ständig verändert, mit anderen Geschichten (Erinnerungen) verbindet und sich erneuert.
Während ich mit Bou (de mag ich am liebsten), Alicia und Terry, der nicht versteht, dass er fremdes Leben zu Literatur gepresst hat, im Zug sitze, schweifen die Gedanken zu all jenen Autorinnen / Autoren, die wie Terry fremdes Leben samt eigenem Erleben zwischen Buchseiten pressen, auf dass das Konglomerat Literatur werde. Alicia versucht Hans zu finden und landet im Finale am Lac D'Annecy in der Gegend von Talloires. © wikipedia
Marta Pérez-Carbonell erzählt mit spielerischer Leichtigkeit vom schmalen Grat zwischen Fiktion und Realität und schwingt zugleich den Zauberstab, um einen wunderbaren Mise-en-Abyme-Effekt entstehen zu lassen. Die Autorin lässt ihre Leserinnen aber nicht in den Abgrund (Abyme) fallen, nimmt sie mit ins reale Leben, außerhalb der Literatur.  Alicia will den nächtlichen Geschichten auf den Grund gehen, reist mit einer Botschaft in die Schweiz und nach Frankreich. Schutzumschlag © berlin verlagTatsächlich und im Kopf wird viel gereist in diesem Roman über das Trügerische in unseren Erzählungen. Die Schauplätze sind real, doch die Erzählungen sind Versuche unseres Gehirns, Erinnerungen, all die gespeicherte Informationen, zu einer verständlichen, stimmigen Geschichte zusammenzusetzen. Marta Pérez-Carbonells Gehirn hat eine Lese- und Denkvergnügen erster Klasse geschaffen, einen Roman, in den man immer wieder eintauchen kann. Und er wird immer wieder neu sein. Stilistisches Schnackerl und die ein origineller Artikelgebrauch gehen wohl nicht auf das Konto der Autorin.

Marta Pérez-Carbonell: Nichts könnte trügerischer sein / Nada más ilusorio, aus dem Spanischen von Astrid Roth, 224 Seiten, Berlin Verlag 2025. € 24,70. E-Book € 19,99.