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Malika Fankha: Schweigen heißt zustimmen

„No Place Like Home“ von und mit Malika Fankha.

Malika Fankha will nicht mehr länger schweigen, will keine Lügen mehr hören, will das Unausgesprochen, das Unaussprechliche, das Ungehörte und Unerhörte aus der Versenkung holen. In No Place Like Home spricht sie mit dem Körper und benützt die eigene Sprache, um sexualisierte Gewalt in der Familie real werden zu lassen. Eine Performance – Uraufführung im brut am 19.2. – die unter die Haut geht.

„No Place Like Home“: Auf der Bühne versucht Malika Fankha, Licht ins Dunkel der Familiengeheimnisse zu bringen.Die Performancekünstlerin Malika Fankha – Dance, Sound, Poetry – spricht über das Schweigen um sexuelle Gewalt in der Familie. Wer sie erfährt, die Gewalt, die Vergewaltigung, die weniger mit Sexualität als mit Macht, und Ermächtigung zu tun hat, ist traumatisiert, kann jedoch nicht darüber sprechen. In der Performance ermächtigt sich der geschundene Körper selbst, doch gegen das Schweigen, das „wie Kaugummi unter dem Familientisch klebt“, kommt er nicht an, um das Schweigen zu brechen, das Tabu zu brechen benötigt Fankha auch die Sprache. Die ist schonungslos und poetisch zugleich und so ritualisiert wie die sich krümmenden und windenden Körper. Durch Sound und Licht entsteht eine beklemmende Atmosphäre im Raum.
Um das Thema aus dem privaten Erlebnis ins Allgemeine, Öffentliche, Gesellschaftspolitische zu heben, ist aus dem geplanten Solo von Malika Fankha ein Duo geworden. In der Verdopplung hilft die Performerin und Sängerin Oneka von Schrader zu erkennen, dass weder eine persönliche Anklage noch individuelle Erfahrungen im Zentrum stehen, sondern die Öffnung eines Gedanken- und Erkenntnisraumes, um das Aufdecken des Tabus. Hinschauen, zuhören und aufmerksam sein. Sexualisierte Gewalt zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und geht daher uns alle an, private Personen und auch die Vertreter der Staatsorgane. Damit die persönliche Erzählung ins Allgemeine gehoben wird, sind in „No Place Like Home“ zwei Frauen auf der Bühne: Malika Fankha und Oneka von Schrader. ein
Dem Team, – neben Fankha und von Schrader sind auch die Künstlerin Asher Ò Gormáin für die Dramaturgie, Marek Lamprecht für das Licht und Bernd Ammann für den Sound beteiligt – war schon während der Proben bewusst, wie heikel das gewählte Thema ist. Die Privatsphäre wird auf die Bühne gezerrt, das kann auch für manche Zuschauerinnen schmerzhaft sein. Deshalb gibt es auf Wunsch des Teams einen „brave space“ während und nach den Vorstellungen, „einen Raum, in dem eine Atmosphäre, die den komplexen, ambiguen Diskurs erlaubt und zum gemeinsamen Wachsen und Lernen ermutigt.“ Oneka von Schrader und Malika Fankha selen sich mutig dem schwierigen Thema.
Malika Fankhas phänomenale Bühnenpräsenz und der nahezu poetische und wie ein Gedicht vorgetragene Text mildern das grauenvolle und aufwühlende Thema, lassen immer wieder auch der darstellenden Kunst den Vorrang.
Dann nimmt wieder das Thema gefangen. Durch Sound, Licht und sparsamen Nebel entsteht eine beklemmende Enge im großen Raum des brut, in dem das Publikum an den Längsseiten sitzt. Zur Einführung sind Tische und Podeste zu einer Familiensituation zusammengebaut. Auch die Körper der Performrinnen sprechen, erzählen vom Schmerz der Übergriffe.Wie die beiden Performerinnen sitzen oder lümmeln die Gäste an und auf den Tischen, sehen zu, wie die Darstellerinnen ihre Körper schrubben und schaben, hören das unangenehme, peinliche Geräusch. Danach führt Fankha in rhythmisierter Sprache im Einklang mit dem bewegten Körper ins Thema ein. Immer wieder wird die eindringliche Performance durch Stille und Dunkelheit unterbrochen, Zeit, das Gehörte zu begreifen und darüber nachzudenken. Am Donnerstag, 19.2. findet ein Gespräch zur Aufarbeitung des Themas unter dem Titel Breaking the Silence statt. Moderiert von Stefanie Sourial spreche Malika Fankha, Oneka von Schrader, Emanuel Lerch und Asher Ó Gormáin, mit dem Publikum über Grenzen, (Un)Recht und Verantwortung. Immer wieder schweigen die Performerinnen, geben dem Publikaum Zeit und Raum zum Nachdeken.
Pfeifen, Johlen und Applaudieren war schwierig. Doch Malika Fankha und ihr Team haben einen kräftigen Applaus verdient. Nicht dem Inhalt der Performance wird applaudiert, doch dessen feinfühlige Aufarbeitung auf der Bühne und der vorsichtige und verantwortungsvollen Umgang mit häuslicher und sexualisierter Gewalt und auch dem Publikum, das möglicherweise nicht erwartet hat, mit den Wunden von Opfern und den Verbrechen der Täter (Täterinnen) konfrontiert zu werden. Dass die Zuschauerinnen danach noch Worte finden, ist ein Verdienst der Künstlerin Malika Fankha und ihres Teams.

Malika Fankha: No Place Like Home, Uraufführung: 18.2.2026 im brut nordwest.Folgevorstellungen:19.,20., 21.2.2026.
Künstlerische Leitung & Performance: Malika Fankha
Performance Oneka von Schrader; Dramaturgie Asher Ó Gormáin; Licht Marek Lamprecht; Sound Moët & Random (Bernd Ammann & Malika Fankha); Kostüm Goran Bugarisch: Make-up Lisa Frantz; Flyer Design Rani Fankha
Fotos: © Christine Miess.