"Yalda": Die Kontrahentinnen, Mona soll Maryam verzeihen.

"Yalda": Die Kontrahentinnen, Mona soll Maryam verzeihen.

Yalda ist im Iran das traditionelle Fest der Wintersonnenwende. In Teheran wird das Fest der längsten Nacht des Jahres mit einer absurden Reality-Show m Fernsehen gefeiert, der „Nacht des Vergebens“. Auf diesem jährlichen Event beruht Regisseur Massoud Bakhshis Film „Yalda“. Die zum Tod verurteilte junge Maryam Komijani sitzt zitternd im Studio und soll die Mona, der Tochter des Opfers, um Verzeihung bitten. Ist diese bereit dazu, muss Maryam nicht sterben.

Maryam (Sadaf Asgari) entgeht der Todesstrafe, wenn Mona ihr verzeiht. In Handschellen wird Maryam (Sadaf Asgari) ins Studio geführt. Die überbesorgte Mutter (Fereshteh Sadre Orafaiy) umflattert sie mit tausend Ratschlägen. Maryam muss gut aussehen, zerknirscht und bereit sich zu demütigen. Die Tochter des Chauffeurs war mit dessen Chef, einem um gut vierzig Jahre älteren reichen Geschäftsmann „auf Zeit“ verheiratet. Die nach iranischem Recht mögliche „Ehe auf Zeit“, erlaubt es ein auf Tage streng limitiertes Verhältnis einzugehen, in dem Kinder meist unerwünscht sind. In einem Streit hat Maryam den Zeitehemann die Treppen hinunter gestoßen. Er ist gestorben. Jetzt soll Mona (Behnaz Jafari), die Tochter des Toten und somit auch Stieftochter der gesellschaftlich weit unter ihr stehenden Zeitehefrau, die Tat, die als Mord verurteilt worden ist, verziehen. Mit eiskalter Miene sitzt sie hoch aufgerichtet sitzt der Todeskandidatin gegenüber. Mon (Behnaz Jafari) muss iher Stieftochter auf Zeit den Tod des Vaers verzeihen, dann wird die Todesstrafe aufgehoben.
Es ist kaum zu glauben, dass dieses Arrangement im Fernsehstudio real sein kann. Per SMS soll das Publikum den Ausgang der Show beeinflussen und selbst die „Freude des Vergebens“ erleben. Bakhshi inszeniert überrealistisch, Studiogäste, Hektik, ein aufgeregter Produktionsleiter, eine hysterische Mutter und der Showmaster, als Fels in der Brandung, dem auch fatale Überraschungen nichts anhaben können: „Nehmen sie an unserem Gewinnspiel teil“ ruft er das Publikum auf; „Werbung schalten, Musik einspielen“ sagt er nach hinten, um die unerwartete Pause zu überbrücken. „Bleiben Sie dran!“ Es glitzert und schimmert, ein alter Pausenclown serviert Kaffee und rote Früchte, die zur Yalda-Nacht dazugehören.
Regisseur Massoud Bakhshi beim Internationales Fajr Filmfestival. © wikipediaBakshi zeigt mit dem Film eine Metapher für die Zustände im Iran. „Verbrechen und Vergeben“ klingt wie das biblische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Er beleuchtet die patriarchalischen Strukturen und die Klassenschranken in der iranischen Gesellschaft. Wie in einer Fernsehshow ist auch im Iran alles Fassade. Mona, die sich anfangs, als ihr Vater das junge, hübsche Mädchen im Bett haben wollte, liebevoll als ältere Schwester gegeben hat, verzieht jetzt, im Studio, keine Miene. Die Chauffeurstochter muss bestraft werden. Mona und Maryam im TV-Studio, in der Mitte der Showmaster.
Beide Darstellerin, sowohl Behnaz Jafari als Mona wie ach Sadaf Asgari, verkörpern eindringlich und überzeugend ihre Rollen. Doch sympathisch sind beide nicht. Mona muss in ihrer Unerbittlichkeit Zuschauer*innen in Europa, wo die Todesstrafe per Gesetz abgeschafft ist, verschrecken, und Maryam zeigt sich so abweisend und verstockt, dass anfangs wenig Zuneigung aufkommt. Doch später, wenn ein Teil der „wahren“ Geschichte bekannt wird, rinnen nicht nur ihre Tränen. Ihr schönes Gesicht fasziniert auch den Kameramann (Julian Atanassov), immer wieder zeigt er es in intensiven Nahaufnahmen. Doch auch Monas starre Miene, einer archaischen Rachegöttin gleich, kann in Bann ziehen. Der Kontrast zwischen den beiden Frauen könnte größer nicht sein, doch wie’s da drin aussieht, erfahren die Zuschauer nicht. Sollen sie auch nicht, it‘s Showtime.
"Yalda", Filmplakat.„Yalda“ ist Massoud Bakhschis zweiter Spielfilm, eine europäische Produktion, die in Teheran gedreht worden ist. Davor hat Bakhshi 12 Dokumentarfilme und Kurzfilme gedreht. Doch er weiß die Show als Show zu inszenieren, auch wenn alles nur Show ist. Hinter den Glastüren sieht man die Crew und eindringende Gäste gestikulieren und sprechen, doch hören kann man sie nicht. Bakhshi versteht es Spannung aufzubauen und sie in hervorragender Dramaturgie auch zu halten. Schwankend zwischen Abscheu und Faszination erlebt man eine Geschichte von Schuld und Sühne, sieht in Glanzpapier verpackte Gesellschaftskritik. Im Sundance Film Festival 2020 (USA) hat Bakhshi den Grand Jury Prize in der World Cinema Dramatic Competition erhalten.

„Yalda – A Night For forgiveness“, Regie und Drehbuch: Massoud Bakhshi. Kamera: Julian Atanassov. Mit Sadaf Asgari, Behnaz Jafari, Babak Karimi, Fereshteh Sadre Orafaiy und vielen anderen. Verleih: filmladen. Im Kino ab 25. September 2020.
Verleih Bilder: © Julia Atanassov JBP Production,  filmladen Filmverleih.