E. L. Kirchner:" Drei Tänzerinnen", © Privatsammlung Deutschland

E. L. Kirchner:" Drei Tänzerinnen", © Privatsammlung Deutschland

Der Maler Ernst Ludwig Kirchner, Gründungsmitglied der Künstlergruppe „Die Brücke“, war vom Tanz besessen. Immer wieder hat er Tänzerinnen und Tänzer, auf der Bühne oder auf dem Parkett, Ballerinen, aus Vergnügen sich wiegende Damen, mit und ohne Hülle, gezeichnet, in Holz geschntten, farbig als Lithografie gedruckt oder mit Wasserfarben hingehaucht. Im KirchnerHAUS in Aschaffenburg ist dieser Kosmos der Bewegung nun bis 30. Dezember 2018 zu studieren. Oder – die Reise von fast 600 km ist nicht gerade ein Katzensprung – sich mithilfe der Abbilder im Katalog in Kirchners Kosmos vertiefen.

Tanzender Kirchner im neuen Atelier, Postkarte an Erich Heckel vom 2. November 1909. © Dube-Heynig: E. L. Kirchner: Postkarten und Briefe an Erich Heckel im Altonaer Museum in Hamburg, Köln 1984.Ernst Ludwig Kirchner ist 1880 in Aschaffenburg geboren, daran erinnerten sich die Mitglieder des Verein Kirchnerhaus Aschaffenburg und richteten 2013 in der früheren Wohnung der Familie im Obergeschoss einen Dokumentationsraum zur Kindheit Kirchners ein. In den Räumen im Erdgeschoß werden seit 2014 Ausstellungen, Vorträge und kunstpädagogische Angebote realisiert. In diesem Jahr ist sie Kirchners Leidenschaft, dem Tanz, oder besser, dem Festhalten der tänzerischen Bewegung mit Stift und Pinsel, gewidmet. Gestorben ist Ernst Ludwig Kirchner 1938 in Davos. Mit einem Herzschuss hat er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Die Nazis hatten seine Werke aus den Museen entfernt und seine Kunst als „entartet“ gebrandmarkt. Im Kirchnermuseum in Davos wird nahezu sein gesamtes Werk, mehr als 30.000 Blätter, aufbewahrt.

Die ersten sechs Lebensjahre verbrachte Ernst Ludwig in der Bahnhofstraße 217 D, heute lautet die Adresse Ludwigstraße 19. Die Kindheit am Bahnhof, das Beobachten der Menschen am Bahnsteig, das Staunen über die schaubenden Lokomotiven und die Schlangen der Güterzüge hat Kirchners frühe künstlerische Entwicklung stark beeinflußt: In neuem Glanz: Ernst Ludwig Kirchners Geburtshaus in Aschaffenburg,  Ludwigstraße 19.  © Lutz Hartmann / wiki/ Kirchnerhaus

Ich bin am Bahnhof geboren. Das erste was ich im Leben sah, waren die fahrenden Lokomotiven und Züge, sie zeichnete ich, als ich drei Jahre alt war. Vielleicht kommt es daher, daß mich besonders die Beobachtung der Bewegung zum Schaffen anregt. Aus ihr kommt mir das gesteigerte Lebensgefühl, das der Ursprung des künstlerischen Werkes ist.
(Aus dem "Davoser Tagebuch", zitiert nach de.wikipedia.org/wiki/Kirchnerhaus)

Gesteigertes Lebensgefühl, das ist für den Künstler auch der Tanz. Schön zu sehen auf einer Postkarte an Erich Heckel, ebenfalls Mitbegründer der „Brücke“, die Kirchner mit einer Tuschzeichnung versehen hat: Nackt tanzt er aus Freude an der eben bezogenen Behausung in Berlin vor dem Spiegel: „Kirchner tanzt“. Und wie er tanzt! Fast schwebend auf Zehenspitzen, den rechten Arm auf die Hüfte gestützt, den linken anmutig über den Kopf gebogen, hüllenlos, in selbstvergessener Ekstase. Gut 60 weitere Beispiele für Kirchners Begeisterng für den Tanz, enn auch eher als Zuschauer und Genießer, folgen auf 140 Seiten.
Kirchner: "Greta Palucca", Farbholzschnitt, 1930. Palucca (1902-1993) war eine deutsche Tänzerin und Tanzpädagogin. ©   PrivatsammlungÜbrigens, Heckels Vater war Eisenbahningenieur, liiert war er einen Sommer lang mit der Tänzerin Sidi Riha. Bewegung und auch die Lust, diese festzuhalten, überall. Kirchner hat seine Entwürfe und Skizzen besonders geschätzt:

Ich lernte den ersten Entwurf schätzen, sodass die ersten Skizzen […] für mich den größten Wert hatten. Was habe ich mich geschunden, das […] bewusst zu vollenden auf der Leinwand, was ich [im Skizzenbuch] ohne Mühe […] hingeworfen hatte und was so vollendet und ruhig war, dass es fertig erschien.
(zitiert nach Gerd Presler: „Kirchner tanzt“, Katalog S 19, im Verlag Hirmer.)

Ich werde jetzt nicht den gesamten, feinst ausgestatteten Katalog abschreiben, obwohl ich Lust dazu hätte, so interessant ist, was die fachkundigen Herren plus eine Dame zu sagen und schreiben haben. Die Essays beleuchten das Thema „Tanz“ durch unterschiedliche Brillen, vor allem in Bezug auf Kirchner aber auch im Zusammenhang mit künstlerischen Ausdrucksformen des frühen 20. Jahrhunderts, lenken die Aufmerksamkeit auch beispielhaft auf einzelne Abbildungen und dienen der Vertiefung des Wissens und Verständnisses ohne zu langweilen. Im Vorwort, der einführenden Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 21. September gewissermaßen, erklärt die 1. Vorsitzende des Vereins Kirchnerhaus,  Brigitte Schad, den Titel der Ausstellung mit der Definition von Tanz als Metapher für das Leben und weltumspannenden Kosmos.

„Kirchners Kosmos: Der Tanz", herausgegeben vom KirchnerHAUS Aschaffenburg e.V. durch Brigitte Schad. Kirchners Kosmos, Cover des Katalogs. © Hirmer VerlagKatalog zur Ausstellung im KirchnerHAUS Aschaffenburg, mit Essays von Gerd Presler, Thomas Röske, Thorsten Sadowsky, Henrike Mund und Tobias Burg, Hirmer 2018. 140 S., ca. 60 Abb. in Farbe, Anhang mit Anmerkungen und einem Verzeichnis der abgebildeten Werke. € 30,80.
Ausstellung „Kirchners Kosmos: Der Tanz“,  KirchnerHAUS, Aschaffenburg, Bis 30. Dezember 2018, Di., Do., Fr., Sa. 14–17 Uhr; Mi. 16–19 Uhr; So. 11–17 Uhr.
Alle Abbildungen sind dem Katalog entnommen. © Hirmer Verlag.