Rainer Berson fotografierte für "Play"

Rainer Berson fotografierte für "Play"

Das ist bereits Tradition: Im Dschungel, dem Theaterhaus für junges Publikum, wird die neue Spielzeit (2018/19) mit einem Doppel-Abend eröffnet. Die beiden Produktionen –„Parole Haifisch“ von der bestens bekannten schallundrauch agency, und das vom Kindertheaterhaus „hetpaleis“ und dem Dschungel produzierte Tanztheater „“Play“ der, in Wien noch unbekannten, jedoch in Belgien renommierten Choreografin Karolien Verlinden – , die am 20. September Premiere feiern, kann guten Gewissens als symptomatisch für das gesamte Programm des Dschungel bezeichnet werden. Uraufführungen, Premieren, Wiederaufnahmen ergeben insgesamt 62 Produktionen, die sich aus Eigen- oder Koproduktionen, Aufführungen der freien Szene und Gastspielen zusammensetzen.

"Fliegen Lernen" ist ein Stück für Vorschulkinder. © Foto Laura Nobauer, Illustration Sebastian MeschenmoserFür die Dschungel-Intendantin Corinne Eckenstein und ihr gesamtes Team gibt es keine Grenzen, weder solche der Geografie noch des Genres noch des Alters (der Agierenden und der Zuschauenden). Dennoch steht auch heuer wieder Ein Motto über dem Programm: "Glaub nicht alles, was du denkst", soll Kinder und Jugendliche animieren, nicht nachzuplappern, was vorgesagt -nachgedacht wird, sondern selber zu denken.

Es ist deshalb müßig, einzelne Produktionen hervorzuheben. Die bereits eingetroffenen Reservierungen beweisen, dass das Publikum durchaus imstandsinde ist, die Website zu besuchen und sich über das reichhaltige Programm zu informieren.

Eröffnungspremieren. „Parole Haifisch“ bringt die beiden Performerinnen und agency-Gründerinnen, Janina Sollmann und Gabriele Wappel gemeinsam auf die Bühne, um Kindern ab sechs vom Wert der Freundschaft zu erzählen. Den Titel können Brecht-Kennerinnen leicht entschlüsseln: „Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht.“ Wappel und Sollmann meinen, beste Freundinnen seien stark genug, um ebenfalls ihre Zähne zu zeigen. Gabriele Wappel und Janina Sollmann geben die Parole "Haifisch" aus. © Daniel Uzelac

Für ihr Tanzstück „Play“ hat sich Karolien Verlinden vom Gemälde „Die Kinderspiele“ des flämischen Malers Pieter Brueghel d. Ä. († 1569) inspirieren lassen, das im Wiener KHM zu sehen ist. Verlinden hat dieses Wimmel-Bild genau studiert und ist zu dem Schluss gekommen: „So fröhlich und entspannt sehen diese Kinder nicht aus, wie es bei einem flüchtigen Blick scheint.“ Spielen ist mehr als Zeitvertreib.

Gastspiel aus der Schweiz: "Liebe üben" mit dem Theater Sgaramusch im März 2019 © Nils VollmerDas auch noch: Der Schweiz-Schwerpunkt bringt Künstler*innen aus Eckensteins Geburtsland nach Wien; zwei Produktionen von Wien Modern werden im November Kinder mit der Vielfalt zeitgenössischer Musik vertraut machen: Für „Über uns nur der Himmel“ (Gesamtleitung Corinne Eckenstein, Mitarbeit Choreografie Sanja Tropp Frühwald) werden die fünf Tänzer*innen und ebenso viele Kinder vom weiblichen Koehne Quartett begleitet. In „Gestochen und weg“ sind die vier Musikerinnen des Ensembles airborne extended die Hauptakteurinnen. Den Text über den 100jährigen Schlaf spricht Christian Reiner als Erzähler. Vom erwachten Dornröschen wird das Publikum ab 14 zu einer magischen Reise durch eine virtuelle Welt aus Klängen und Bildern eingeladen.

Grundsätzliches hat bei der Programmvorstellung am 12. September 2018 die kaufmännische Leiterin des Dschungel, Alexandra Hutter, zu sagen. Leider nicht nur Erfreuliches wie etwa steigende Auslastungszahlen oder die Tendenz zu Spielserien, die länger als drei Tage sind, die Theaterwerkstatt in der Seestadt, die neue Drehbühne, die der Technik-Leiter, Hannes Röbisch, mit seinem Team gebaut hat, oder die Kulturpatenschaft, die Kindern und Jugendlichen, die es sich nicht leisten können, den Dschungel zu besuchen, die Teilnahme an Vorstellungen und Workshops ermöglicht. Masha Dimitri aus der berühmten Schweizer Clowndynastie bezaubert in "La Coeurdonniere" mit Akrobatik und Magie, 23.9. 2018. © Loredana MuttaDas dicke Minus steht im Budget: Seit 2013 wurde die Förderung zur Erhaltung Infrastruktur des Hauses nicht erhöht. Seit 15 Jahren wurden die Toiletten nicht saniert, die Polsterung der Sitzbänke ist auch nicht mehr wirklich repräsentabel. Erfahrene Theaterleute wissen jedoch genau, dass ein sauberes und ansehnliches Ambiente ebenso wichtig für das Publikum (das waren in der vergangenen Saison nahezu 59.000 BesucherInnen) ist wie eine gelungene Vorstellung. „Nach wie vor fehlt es hier an Wertschätzung – nicht nur gegenüber dem jungen Publikum, sondern auch den Künstlerinnen und Künstlern, die vergleichsweise noch weniger verdienen als ihre KollegInnen im ‚Erwachsenentheater‘“, stellen die beiden Leiterinnen fest. Ein Grund dafür sind die geringeren Einnahmen, im Dschungel kostet eine Karte etwa die Hälfte einer üblichen Theaterkarte: „Das ist wichtig, um die Niederschwelligkeit unseres Angebots zu gewährleisten, führt aber leider zu einer automatischen Schlechter-Stellung der KulturproduzentInnen für junges Publikum, obwohl diese wesentliche Arbeit für das Theaterpublikum von morgen leisten.“
Werden sich die Tiere vertragen? In "H(a)i Herr Rabe, eine Frage" wird die Antwort gesucht. © Katharina PaulÜber soviel Ignoranz der Verantwortlichen und Fördergeber kann nur der Kopf geschüttelt werden. Künstlerische Arbeit für Kinder und Jugendliche fordert genauso viel Hirnschmalz, Energie und Talent wie jeder andere künstlerische Beruf. Kinder und Jugendliche sind genauso wichtig wie das oft blasierte Publikum der großen Häuser.
Entscheidend ist die Qualität. Und die ist im Dschungel immer wieder sichtbar. Wenn ich mir die Wiener Theaterlandschaft ansehe, so scheint mir der Dschungel Wien als Mehrsparten-Haus das interessanteste und beste Programm, gezeigt von qualifizierten Künstler*innen, zu bieten. Dass man das junge Publikum mit schnell zusammengestoppeltem Schrott abspeisen kann, ist eine längst überholte Vorstellung. Nicht nur maßgeschneiderte Schuhe haben ihren Preis, auch künstlerische Qualität muss honoriert werden. Nicht nur mit Applaus. Sonst geht sie nämlich bald verloren. Der persönliche Einsatz, die Energie und auch Selbstausbeutung des Dschungelteams und der produzierenden und auftretenden Künstler*innen machen viel wett, doch nicht alles. Die Verantwortlichen müssen ihre Pflicht erfüllen.

Eröffnungsprogramm der Spielzeit 2018 / 19 im Dschungel Wien:
schallundrauch agency: „Parole Haifisch“ von und mit Janina Sollmann und Gabriele Wappel. Premiere 20. September 2018, 18 Uhr. Weitere Vorstellungen.
Dschungel Wien & hetpaleis: „Play!“ Choreografie inspiriert von Pieter Brueghels Gemälde „Die Kinderspiele“, Premiere 20. September 2018, 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen.
Beginn der regulären Spielzeit am 21.9.2018.