Der König tanzt mit Odette am Schwanensee (Alexandr Trusch, Xue Lin)

Immer wieder „Schwanensee“, immer wieder „Illusionen – wie Schwanensee“. John Neumeier hat diese Choreografie, in der „der König“ – inspiriert vom Leben und Sterben Ludwig II. von Bayern (1845–1886) – und seine Liebe für das Ballett „Schwanensee“ und auch Richard Wagner im Zentrum steht, 1976 für Hamburg geschaffen und immer wieder hervorgeholt und entstaubt. Die letzte Vorstellung in dieser Spielzeit am 1. Juni war die 16te – natürlich im ausverkauften Haus frenetisch beklatscht, mit Ovationen für die Solist*innen und Hochrufen für den Choreografen.

Ditta Rudle
François Chaignaud und Marie-Pierre Brébant mit der Bandura.

Der Tänzer, Sänger und Choreograf François Chaignaud und die Musikerin Marie-Pierre Brébant haben die musikalischen Werke der Universalgelehrten und Benediktiner Äbtissin der Hildegard von Bingen (1098–1179) durchleuchtet und erforscht und die Lieder der „Symphonia Harmoniae Caelestium Revelationum“ neu interpretiert. Ein eindringliches Erlebnis im Rahmen der Wiener Festwochen in den Gösserhallen, für mich bereits der Höhepunkt.

Ditta Rudle
Davide Dato (Conrad), Nikisha Fogo (Médora): Ein großartiges Debut.

Einzigartig. "Le Corsaire" glänzt in der 30., für diese Saison auch letzten, Vorstellung von Manuel Legris Choreografie des romantischen Balletts mit Debuts in nahezu allen Solorollen. Einzig Ioanna Avraam hat der Rolle der Zulméa schon oftmals Gestalt gegeben. Die beiden Ersten Solotänzerinnen Nikisha Fogo als Médora und Natascha Mair als Gulnare reißen das Publikum ebenso zu Beifallsstürmen hin wie Davide Dato als Conrad und Tristan Ridel als Lanquedem. Sveva Gargiulo und Madison Young tanzen als bezaubernde Odalisken zum ersten Mal. Heldenhaft ist Arne Vandervelde als Birbanto für Masayu Kimoto eingesprungen.

Ditta Rudle
"Yama", Uraufführung  mit Tanzlin.z

Der indisch-australische Choreograf Ashley Lobo hat mit dem Ensemble von Tanzlin.z sein Tanzstück „Yama“ einstudiert. Die Uraufführung der vielfältigen Reflexionen über den Tod, das Loslassen, das Reinigen und Verändern ist am 25. Mai in der BlackBox des Musiktheaters Linz lautstark bejubelt worden.

Ditta Rudle
mette Edvardsen, Matteo Fargion: Nur selten aufrecht. © Werner Strouven

Mit ihrer jüngsten Kreation begibt sich die norwegische Tänzerin und Choreografin ins weite Feld der Literatur. Oder richtig: sie legt sich hinein. Denn die als „Oper in Essayform“ bezeichnete Performance wird vor allem im Liegen ausgeführt. „Penelope Sleeps“, eine Veranstaltung der Wiener Festwochen im Tanzquartier, ist ein Werk der Stille, in dem Edvardsen das Warten der Penelope auf ihren in das Kriegsabenteuer gezogenen Mann Odysseus als Anker benutzt. Penelope wartet auf nichts. Das Publikum ist gebannt, schafft das Nichtwarten aber doch nicht zur Gänze. In den letzten 10 der 90 Minuten wird es unruhig. Der Applaus ist herzlich und anhaltend, kommt, der erlernten Gelassenheit sei Dank, ohne das oft unpassende Gejohle aus.

Ditta Rudle
"aCORdo" – Vier Interpreten aus den Favelas. © Bea Borgers

Agitationstheater im Stübchen. Die brasilianische Choreografin Alice Ripoll geht mit ihrer Gruppe Cia Rec auf das Verhältnis zwischen oben und unten, zwischen Besitzenden und Besitzlosen in Rio de Janeiro ein. „aCORdo“ („Vereinbarung“, das portugiesische Wort „cor“ bedeutet Farbe) ist 2017 als Auftragswerk für ein Festival in Rio entstanden und setzt sich mit der Einstellung der Stadt zu ihren Bewohner*innen auseinander. Vier Performer agieren in einem kleinen Raum, das Publikum muss nolens volens mitspielen. Am 14. Mai hat „aCORdo“ in der ehemaligen Eierbörse im Oden, einem schönen Zimmer mit großen Fenstern, Lustern an der Decken und Parkettboden unter den Füßen, stattgefunden.

Ditta Rudle