"Artifact Suite": Nikisha Fogo, Jakob Feyferlik

"Artifact Suite": Nikisha Fogo, Jakob Feyferlik

Drei große Nachfolger George Balanchines stehen auf dem Programm dieser letzten Ballettpremiere an der Staatsoper unter der Direktion von Manuel Legris. Aus ihrem reichhaltigen Œuvre hat Legris vier frühe Werke ausgewählt: „fact Suite“ von William Forsythe, „Trois Gnosiennes“, „Solo“ von Hans van Manen und „Psalmensymphonie“ von Jiří Kylián. Eine Hommage an das Ballett, die auch das begeisterte Publikum bekräftigt hat. Für einen Abend regiert der Tanz.

„Artifact“, 1984 für das von Forsythe eben gegründete Frankfurt Ballett geschaffen, ist ein abendfüllendes Tanztheater, eine Hommage an das klassische Ballett, das der Choreograf und Bewunderer Balanchines zitiert und dekonstruiert, rekonstruiert, erweitert und bereichert hat. 2004 hat Forsythe das zwei Stunden lange Ballett mit theatralischen Einlagen für das Scottish Ballet als reine Reverenz an Balanchine zur „Suite“ komprimiert. Ein großes Ballett sind auch die 40 Minuten geblieben, mehr als 30 Tänzer*innen plus zwei Solopaare und einer „anderen Frau“ sind auf der Bühne. "Trois Gnosiennes": Maria Yakovleva, Jakob Feiyferlik.Zur Chaconne aus der Partita Nr. 2 d-Moll (BWV 1004, emotional und extrem interpretiert von Nathan Milstein) tanzen sie im ersten Teil exakt und auf Spitze in mathematischer Ordnung, bilden parallele Linien, die einander kreuzen, sich ständig zu neuen Mustern fügen. Überraschend und beunruhigend. Ohne zu zählen gelingt dieses in Spiel mit optischen Täuschungen und Illusionen nicht.
Bald packt mich dieser „schwindelerregende Reiz der Genauigkeit“ („The Vertiginous Thrill of Exactitude“, Forsythe 1996).
Die Chaconne ist ungewöhnlich lang, wird aber durch Blackouts (plötzlich fällt ein schwarzer Vorhang) unterbrochen, das Ballett setzt sich im Kopf fort. Wenn der Vorhang wieder hochgeht, hat sich die Gruppe neu formatiert, aus dem Carré ist ein spitzes Dreieck geworden, aus den einander gegenüberstehenden Reihen eine lange Linie. Gegen Ende der Chaconne-Double gönnt Forsythe den Beinen der Tänzer*innen und den Augen der Zuschauer*innen eine Pause, lässt den schwarzen Vorhang fallen, Milstein spielt den Satz im Dunklen zu Ende. Die Tänzer*innen sind unsichtbar, tanzen vor meinen Augen weiter, immer weiter, würde nicht ein klatschsüchtiges Publikum die Musik ignorieren, die vom Choreografen gewünschte Pause nicht kapieren und nahezu wütend die Hände aneinander schlagen.

Für den zweiten Teil hat Forsythes Korrepetitorin, die Pianistin Eva Crossmann-Hecht, eine strenge Klavierimprovisation über Bachs Musik aufgeschrieben, die ebenfalls vom Band gespielt wird. "Artifact Suite" von William Forsythe: Tanzen bedeutet zählen, zählen, zählen.Das unterstützt die Präzision der Tänzer*innen, die nun in grüne Oberteile mit dunklen Strumpfhosen gekleidet sind. Ballett im Ballett zu sehen, Positionen und Port de bras, wie im Ballettsaal, nein, einheitlicher und präziser als im Ballettsaal. Die „andere Frau“ müht sich wieder mit ihren Befehlen ab, die Tänzer*innen kümmern sich lange Zeit nicht darum, spielen ihr eigens Spiel mit den Armen, den Beinen, Hals und Kopf. Finden aber schließlich doch wieder den gemeinsamen Rhythmus. Die Vortänzerin ist glücklich und darf endlich ihre exakten Armbewegungen ganz für sich behalten. Faszinierend und auch verwirrend. Nüchtern betrachtet ist
„Artifact Suite“ ein Ballett wie eine Rechenaufgabe, glasklar und kristallin. Doch Forsythe will, dass uns der Kopf schwirrt und wir nicht mehr wissen, wo rechts und links, oben und unten, Arme und Beine sind.
Beglückend das „Solopaar 2“, Nina Poláková und Roman Lazik. Das Wegstoßen und Auffangen, Hebungen, Drehungen, der ständige Fluss der Bewegungen scheinen einem gespannten Körper zu entwachsen, harmonisch, auch wenn sich Frau und Mann, wie im zweiten Teil, kaum berühren. Daneben das junge „Solopaar 1“, Nikisha Fogo, Jakob Feyferlik. Der Unterschied der beiden Solopaare ist allzu deutlich, Tänzerin 1 und Tänzer 1 führen gemeinsam die richtigen Bewegungen aus, ein Paar sind sie nicht.
Oxana Kyanenko ist die „andere Frau“ (Other Woman), die das Corps de ballet dirigiert: Sie macht vor, alle machen nach. Die Spiegelneuronen sind im Leben wie im Tanz aktiv. Das hat Forsythe schon zeigen wollen, noch bevor diese Nervenzellen 1992 zum ersten Mal beschrieben worden sind.

Forsythe spielt auch mit dem Licht, "Artifact Suite": Auch die Männer bekommen ihren Auftritt.um sein Manöver der optischen Täuschungen zu unterstreichen. Oft strahlt die Beleuchtung nur aus den seitlichen Soffitten, dann scheint die Bühne wieder in düsterer Dämmerung zu liegen – sind die Tänzerinnen noch da? – oder die Scheinwerfer leuchten hell, bevor ich wieder einen Blackout habe. Von diesem Stück, ewig jung, wie die Musik Bachs, könnte ich einen Abend lang schwärmen und gäbe es nicht ungeschriebene Gesetze, wie lang ein Ballettabend sein muss und wie kurz er nicht sein darf, würde mir „Artifact Suite“ vollauf genügen.

Gestärkt und ein wenig trunken, immer noch von Forsythes Kristallen, die sich tanzend ihrer Struktur bewusst werden, kann ich mich nach der Pause dem reinen Genuss zweier kurzer Stücke von Hans van Manen hingeben. „Trois Gnosiennes“ zur Musik gleichen Titels von Erik Satie ist ein feiner Pas de deux, purer Tanz hinreißend interpretiert von Maria Yakovleva mit Jakob Feyferlik. Die Eleganz und Klarheit van Manens (oder ist es Satie? Oder gar die großartige Partnerin?) liegt dem eleganten, mit der frühen Krönung zum Ersten Solisten belasteten Tänzer sichtlich mehr als der extreme Forsythe. Doch es fehlt mir der zündende Funke zwischen dem Jüngling und der Frau. Maria Yakovleva, Jakob Feyferlik in "Trois Gnosiennes" (van Manen / Satie).Da hilft auch die schöne melancholische Musik von Erik Satie – drei der sieben von ihm komponierten „Gnosiennes“ mit der Bezeichnung: Lento – mit Erstaunen – Lento ­– nicht. Sie wird von Laurene Lisovich live auf der Bühne gespielt, drei Assistenten, Marian Furnica, Andrés Garcia Torres und Hanno Opperman, beobachten das sich trennende und wieder vereinende Paar, schieben das Instrument umher, als wäre es der Partner für einen Pas de trois.

Danach kommt Fröhlichkeit auf. „Solo“ ist ein so rasantes Stück, dass Choreograf van Manen drei Tänzer dafür benötigt. Zum 2. Satz, Courrente – Double, aus der Partita für Violine solo h-Moll BWV 1002 von Johann Sebastian Bach "Trois Gnosiennes" mit Klavier: Yakovleva, Feyferlik(wieder darf uns Milstein mit seinem Spiel erfreuen) müssen Denys Cherevychko, Richard Szabó und Géraud Wielick zeigen, dass man stilvoll und rasant zugleich tanzen, auch zu streng komponierter Musik im fröhlichen Staffeltanz wirbeln kann, in dem eine Bewegung dem Nächsten förmlich übergeben wird. Meinen Präferenzen treu bleibendend, begeistert mich vor allem Géraud Wielick mit federnder Spannung und kraftvoller Ästhetik. Erster Solotänzer Denys Cherevychko (er hat „Solo“ als einziger noch nicht getanzt) lässt sich lustvoll auf die Fröhlichkeit dieser Parade ein, und erinnert mich natürlich an „Skew Whiff“ von Paul Lightfoot und Sol León – wie „Solo“ für die Jugendkompagnie, NDT 2, choreografiert –, als der blutjunge Solotänzer Denys Cherevychko in "Solo" von Hans van Manen.bei der Premiere 2011 gemeinsam mit Mihail Sosnovschi, Masayu Kimoto und Joanna Avraam über die Bühne getollt ist. Er und Wielick haben den Witz, den van Manen in dieses Solo für drei Tänzer verpackt, verstanden und können ihn auch dem Publikum zeigen.

Im Kopf noch immer den Spitzentanz, der zwar Artefakt genannten, aber rundum vollständigen Forsythe-Kreation, kann ich mich auf Jiří Kylians „Psalmensymphonie“ zu Igor Strawinskys gleichnamiger dreisätziger Chorsymphonie nicht so richtig konzentrieren. Mag auch sein, dass manche der acht Paare noch ein, zwei abschließende Trainingsstunden benötigten. Jedenfalls wirkt die Choreografie Kylians etwas verschwommen, die Tänzer*innen scheinen nicht so perfekt koordiniert. Kein schwindelnder Thrill der Exaktheit.
Makellos und voll konzentriert ist das Spitzenpaar, Ketevan Papava und Roman Lazik. "Psalmensymhonie": Jiří Kylián / Igor StrawinskyAuch Nina Poláková mit James Stephens, Anita Manolova mit Marian Furnica und Nina Tonoli mit Navrin Turnbull zeigen Körperspannung und Prägnanz.
Mit orientalischen Teppichen an der Rückwand und acht Betstühlen, über Eck aufgestellt, erzeugt Bühnenbildner William Katz eine sakrale Stimmung. Wie in der Synagoge sind Männer und Frauen immer wieder getrennt, die einen sitzen fast unbeweglich, die anderen tanzen. Danach vereinen sich die Paare – Männer in weißen Hemden und dunklen Hosen, die Frauen in grauen oder sandfarbenen langen Kleidern (Joop Stokvis) – bewegen sich mit gebeugtem Körper, knien nieder, krümmen sich auf dem Boden, liegen reihenweise langgestreckt, verdecken das Gesicht mit den Händen, bewegen sich senkrecht wie waagrecht.
Der Chor singt die Zeilen aus zwei Psalmen lateinisch (gespielte Aufnahme: London Symphony Orchestra, English Bach Festival Chorus, dirigiert von Leonard Bernstein), nur das große „Hallelujah, Laudate“ des Psalms 150 („Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum, …) hat Strawinsky vollständig vertont. "Psalmensymphonie" (Kylian / Strawinsky): Davide Dato mit Kiyoka Hashimoto.Wie der Chor, den der Komponist wie ein Instrument einsetzt, sind auch die acht Paare eine Gemeinschaft. Immer wieder löst sich ein Paar, auch zwei oder drei absentieren sich, doch kehren alle wieder in die Gruppe zurück. Kylián erzeugt im Einklang mit der Musik eine fromme Stimmung, fernen jeglichem Pathos, bezieht er sich auf keine konkrete Religion, der Raum ist Tempel und Kirche, Synagoge oder Moschee, darin bewegen sich die Tänzer*innen als Gemeinde, nähern sich dem Himmel, beugen die Knie, liegen auf dem Boden. Im Programmbuch sagt die Tanzpädagogin und ehemalige Erste Solotänzerin der Komischen Oper Berlin, Angela Reinhardt, sehr schön: „…Das Stück baut gewissermaßen seine eigene Kathedrale.“

Ein passendes Schlusswort für einen wundervollen Abend, für mich der schönste in dieser Saison.

Forsythe | van Manen | Kylián: „Artifact Suite; „Trois Gnosiennes“ und „Solo“; „Psalmensymphonie. Auf Wunsch der Choreografen wird die Musik aus der Konserve abgespielt, nur Saties „Trois Gnosiennes“ werden von Laurene Lisovich live gespielt. Wiener Staatsballett in der Staatsoper. Premiere am 14. April 2019.
Nächste Vorstellungen: 17. und 20. April 2019.
Ashley Taylor hat das Wiener Staatsballett fotografiert. © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor