Im dritten Teil des Projekts „Endangered Human Movements“ („Gefährdete menschliche Bewegungen“) erforscht das Team von Nadaproductions (Amanda Piña / Daniel Zimmermann) amerindische Mythologie, Ikonografie, magische und rituelle Kunst. Linda Samaraweerová und Amanda Piña zeigen das Forschungsergebnis in dem fantastischen Duett „The Forest of Mirrors“ im Tanzquartier.
„Inspiriert von hybriden Wesen, die die amerindische visuelle und mündliche Bildsprache bevölkern, unternimmt „The Forest of Mirrors“ den Versuch eines Emotionalen Wechselspiels zwischen althergebrachter indigener Erkenntnis, zeitgenössischer Performance und posthumanistischem Denken.“
Dieser Erklärung im Programmheft bedarf es gar nicht, sieht man Linda Samaraweerová und Amanda Piña bei ihrer zauberhaften Performance zu. Sie sind, anfangs als Doppelfigur, Rücken und Rücken, eine zwiefache Göttin, später von Angesicht zu Angesicht, Mensch und Tier, Pflanze und Blüte. Zum betörenden Sound von Christian Müller bewegen sich auf dem spiegelnden Untergrund Jungfrauen und Kämpferinnen, Tiger, Löwen, Äffchen und Schlangen, Wesen mit Bärten und Schwänzen, Blüten, Blätter, Bäume und Büsche im schwarz ausgelegten Guckkasten. Bilder, die sich stetig verwandeln, zwischen vertraut und fremd wechseln, in eine andere Welt, oder eben in den Wald der Spiegel versetzen. Ein Maskenspiel, das der Ironie ich entbehrt.
„Die Performance untersucht, wie die Begriffe ,menschlich’ und ‚Identität’ in der amerinidischen Erfahrung verstanden werden: ‚menschlich’ gilt für alle Wesen als eine innere und konstante Form ihres Selbstbewusstseins. ‚Identität’ dagegen ist labil und wird von der Form, den Eigenschaften und der Verwandlungsfähigkeit des Körpers mitbestimmt.“
Das zu wissen, macht diese präzise ausgeführte, zwischen Ritual und zeitgenössischer Tanzsprache schwankende Entführung in den Wald der Wunder, über den Genuss hinaus auch erkenntnisreich.
Gegen Ende hebt sich ein silberner Hintergrund, schimmert im Halbdunkel, ein Lied erklingt, Blüten und Blätter werden sichtbar, bis der Silberhintergrund den Blick auf eine stumme Göttin (Piña) freigibt, während vor ihr eine Tierpflanze (ein Pflanzentier) kriecht. Doch die Göttin wirft ihren Umhang ab, ist selbst wieder Tier. Die Musik sendet letzte Pulsschläge, Tiere, Menschen, Blätter, Blüten und das Publikum müssen aus der Trance erwachen.