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Ulduz Ahmadzadeh / Company Atash: No Gods Land

Vier Tänzer*innen bewegen sich in einem Feld mit goldenen Ähren, die neu geordnet, gebündelt und in neue Objekte verwandeln. Die Bühne ist nicht mehr ein Niemandsland (No Man’s Land), sondern viel schlimmer eine gottlose Zone. No Gods Land / Keiner Götter Land nennt die Choreografin Ulduz Ahmadzadeh ihre jüngste Produktion. Premiere war am 29. Oktober im Tanzquartier.
Zu Beginn wogen die Ähren, die Leuchtröhren flimmern, die Musik dröhnt, rumpelt und brummt. Wenn die Trommelschläge ertönen, nehmen die Tänzer*innen den Takt auf. Sie gehen im Kreis und schlagen an den im Viereck in Kopfhöhe hängenden Teller. Das Publikum sitzt rund um den rechteckigen Bühnenplatz und warten, dass etwas geschieht. Die Teller, innen weiß, außen golden, werden, wie ein Puck quer über die Eisbahn, über das inzwischen nahezu leer geräumte Feld geschossen, dann wieder sind sie Kreisel, die klappernd umfallen. Allmählich taucht der Verdacht auf, die Vier befänden sich auf einem Spielplatz. Der ist von Till Jasper Krappmann gar fabelhaft ausgestattet, das Gold glänzt nicht nur auf dem Feld, die Leuchtröhren blinken in allen Farben, die Teller drehen sich im Luftzug. Alle Dekorationsobjekte sind mit Magneten versehen, sodass sie immer neu angepasst und geordnet werden können.
Es dauert 30 Minuten bis No Gods Land endlich Fahrt aufnimmt und die Tänzer*innen – Desi Bonato, Jihun Choi, Naline Ferraz, Joshua Akubo Gabriel – dürfen endlich das tun, was sie können: tanzen. Und wie sie alle vier sich zur Musik bewegen. Was bisher spielerisch und scheinbar unkoordiniert auf der Bühne geschehen ist, bekommt Struktur, das Getöse aus den Lautsprechern wird sanfter, die goldenen Bäumchen verlieren ihre Gestalt, werden zu Bündeln gebunden, sind Kampf- und Foltergeräte Fasces et secures (Rutenbündel und Beil) trugen die Liktoren im alten Roma, um die Macht ihrer Herren zu zeigen und zu schützen. Damals wie heute geht es um Macht, Macht, Machtgewinnung, Machterhaltung, Machtgier, Machtmissbrauch. Und natürlich auch um die Kehrseite: Unterdrückung, Einschüchterung, Ungerechtigkeit, Zensur und Ausbeutung. Auf der Bühne gibt es keine Sieger, Verlierer sind sie alle.
Mit dem alten Rom hat Ahmadzadeh allerdings nichts zu tun. Die aus Teheran gebürtige Künstlerin
erforscht aus einer transdisziplinären Perspektive in ihrer künstlerischen und wissenschaftlichen Praxis die Tänze, Rituale, Musik, Rhythmen und das kulturelle Erbe Südwest- und Zentralasiens. Mit einem multidimensionalen und dekolonialen Ansatz untersucht sie die Zusammenhänge und Dynamiken von Tanzpraktiken in ihren ursprünglichen Kontexten sowie deren Beziehungen zu anderen zeitgenössischen Tanzformen und der Ästhetik der kolonialen Moderne. (zitiert aus ihrer Biografie)
Aus diesen Möglichkeiten sind wundersame, oft märchenhafte Stücke für Erwachsene und auch für sehr junges Publikum entstanden. Diesmal allerdings will Ulduz Ahmadzadeh auf zwei Hochzeiten zugleich tanzen, doch das wusste schon Adam Riese: Es geht nicht.
Ein aufwendiges Stück zu inszenieren und zugleich ein anspruchsvolles Symposium vorzubereiten, ist eine schwer zu bewältigende Aufgabe. Meinen Wunschberuf als Kürzungsdramaturgin würde ich diesmal gleich zu Beginn ausüben. Die halbe Stunde wird um zwei Drittel gekürzt, dadurch wird die Magenschmerz verursachende Monotonie reduziert, die Ressourcen werden geschont, Kraft und Kunst der meisterhaften Tänzer*innen nicht durch Tellerkreiseln, Tellerschießen und -magnetisieren verschwendet. Eine Interpretation der Machtanalyse des französischen Philosophen Michel Foucault (1926–1984) und R. M. Rilkes bekanntes Gedicht Der Panther (Im Jardin des Plantes, Paris) fügen der Aufführung nichts hinzu, möglicherweise dienen die Zitate nur dem Füllen von Weißraum auf dem Programmzettel.
Ulduz Ahmadzadeh / Atash Contemporary Dance Company: No Gods Land, Performance, Premiere im Tanzquartier, 29.10.
Folgeaufführungen: 30., 31. Oktober 2026.
Künstlerische Ko-Leitung, Choreografie: Ulduz Ahmadzadeh Künstlerische Ko-Leitung, Szenografie: Till Jasper Krappmann
Tanz, Choreografie: Desi Bonato, Jihun Choi, Naline Ferraz, Joshua Akubo Gabriel;
Komposition, Sounddesign: Pouya Ehsaei; Lichtdesign: Benjamin Maier; Dramaturgische Unterstützung: Imani Rameses
Fotos: Raphael Mittendorfer
Symposium: Ancestral Futurities, Encounter with Heritaige in Contemporay Dance and Choreographic Practicies. 31.10., 2., 3.11. 2026, Tanzquartier Studios, 14–18 Uhr. Eintritt frei,