Zum Hauptinhalt springen

Choreografie: Marie Antoinette tanzt in Versailles

Das Teenagerpaar im Nachtgewand. (Elena Bottaro, Andrés GarciaTorres)

Der französische Choreograf Thierry Malandain bestätigt mit der Wiener Premiere seines Nummernballetts Marie Antoinette, was schon im abgelaufenen Johann Strauss-Jahr zu erkennen war: Auftragswerke dämpfen die Kreativität, fördern den Krampf. Sie werden bezahlt, doch nicht gelobt. Auch Marie Antoinette, erbeten vom Unternehmen „Château de Versailles Spectacles“, ist so ein Auftragswerk, mit dem Malandains Ballet Biarritz 2019 das Publikum in der königlichen Oper im Schloss Versailles unterhalten hat.

Ein zukünftiger König springt aus dem Bilderrahmen.  (Andrés GarciaTorres)Malandain, der sich gern den letzten Mohikaner der Neoklassik nennt, hat selbst zugegeben, dass er sich anfangs mit der Idee, ein Ballett mit der „Königin der Franzosen“, Marie Antoinette, zu schaffen, nicht recht anfreunden konnte. Sein Interesse gilt mehr der Tanzgeschichte und dem Choreografen und Tanztheoretiker Jean Georges Noverre (1727–1810), der den höfischen Tanz erneuert und gegen Perücken und Reifröcke gekämpft hat. Noverre ebnete seinem Kollegen Malandain den Weg zu Maria Antonia, die in Paris zur Marie-Antoinette wurde. Am Hof ihrer Mutter, Kaiserin Maria Theresia, hat sie den berühmten Pariser Tänzer schon als 12-Jährige in Wien kennengelernt und 1775 als französische Königin und Ehefrau von Louis XVI nach Paris geholt, Die verführerische Maitraisse von Louis XV, verführerisch getanzt von  Mila Schmidt.wo er Ballettmeister an der Pariser Oper geworden ist. Das Spektakel in der Opéra Royal du Château de Versailles sollte an den 16. Mai 1770 erinnern, als die 15-Jährige mit dem kaum älteren Dauphin Louis vermählt und das Opernhaus eingeweiht worden ist.
Thierry Malandain hat sich mit dem Gedanken angefreundet und 14 touristisch kompatible Szenen choreografiert, die zwischen Gruppentänzen — am französischen Hof wurde offenbar dauernd umher gehopst und mit den Armen gefuchtelt, mit den Fingern in der Luft geklimpert und vor allem auch intrigiert — und Solos samt einem anzüglichen Pas de trois (logisch: Keine mediale Vermarktung der 1793 hingerichteten Königin ohne Graf von Fersen) abwechseln. Pas de trois: Marie-Antoinette, Louis XVI, Axel von Fersen (Bottaro, Torres, Orlic)Eine geplante Reise nach Sankt Pölten im Jahr  2021 wurde vom Virus SARS-CoV-2 verhindert. Ungehindert konnte Malandain samt dem für die Einstudierung verantwortlichen Ballettmeister Frederik Deberdt nach Wien reisen, um die gefälligen, mit der Zeit aber recht langweiligen, anderthalb Stunden auf der Volksopernbühne, beginnend mit dem „königlichen Fest“ und mit dem „Tod der Österreicherin!“ am Ende, abzuspulen. Wer dieses Mädchen, dem man an der Grenze die Kleider abnahm, um sie französisch einzukleiden, diese Frau war, die sich mehr für Musik und Theater interessiert hat als fürs Regieren, erfährt man nicht. Rebecca Horner: Würdige Königinnen / Kaiserinnen, hier Maria Theresia, scheinen zur Spezialität der Solotänzerin zu werden.Malandains feiner Humor, den er sowohl in seiner erfolgreichen Choreografie Cendrillon als auch im Doppelabend Mozart à deux / Don Juan an der Volksoper mit dem Staatsballett gezeigt hat, sind auf der Strecke zwischen Biarritz und Versailles hängen geblieben. Mitunter blitzt sein Esprit auf, etwa wenn die beiden frisch verheirateten Teenager in der Hochzeitsnacht lieber Fangerl spielen, als sich um einen Thronfolger zu kümmern. Wenn das nach sieben Jahren endlich passierte, war es nicht mehr so lustig und auf der Bühne überdeutlich. Nach neun Monaten, in der darauffolgenden Szene, kommt ein Mädchen zur Welt, das durch eine hässliche Marionette dargestellt und in kabarettistischer Manier zwischen den Eltern herumgeworfen wird. Schnell kommt der Tod auch zum herrschenden König, Louis XV. Eben hat er noch mit der du Barry deutlich verkehrt, schon ist er tot.
Ausschnitt aus dem Ballett im Ballett: Persée mit  Adrien Fougères und Olivia Poropat.Damit das vergnügungssüchtige Volk sich auch auskennt, tragen die einzelnen (meist zu langen) Szenen sonderbare Titel. „Frisur der Unabhängigkeit“ etwa, oder „Die Rokoko-Königin oder Mein Ding aus Seide“. Das mag auf Französisch sinnvoll klingen, auf Deutsch ist es nur gestelzt. Und, ganz nebenbei, der Besetzungszettel ist so klein (sparsam?) gedruckt, dass nur mit der Lupe zu lesen ist. Nein, ich bin es nicht allein, die sich trotz Brille plagt. Auch die Unter 27-Besucherinnen geben zu, dass die Schrift winzig ist. Fächertanz der Garçons um Marie-Antoinette (Elena Bottaro).Da lob‘ ich mir doch Patrick De Bana, der zwar einen zweiten Anlauf benötigt hat, um L’Autrichienne choreografisch nahezukommen, doch dann, 2015, in der Volksoper ein spannendes Ballett mit Tiefgang gezeigt hat. De Banas Marie Antoinette hat die junge Königin nicht als flachen Ausschnitt aus Papier dargestellt, die Personen sorgfältig charakterisiert Der Diplomat Axel von Fersen war in die Königin verliebt. (Aleksandar Orlić)und das Staatsballett hat auch tanzen dürfen und dennoch wechselnde Gefühle im Publikum hervorgerufen. An die Schlussszene im Gefängnis erinnere ich mich noch heute. Die letzte Szene bei Malandain schindet Eindruck. Die Bühne wird schwarz, die Bilder(rahmen) fallen von den Wänden, der Himmel sinkt auf die Erde und die gesamte schwarz gekleidete Compagnie steht stumm und starr an der Rampe. Und damit man auch weiß, worum es da geht, treten noch einmal die Figuren aus dem Ballett im Ballett Persée, der das Schwert schwingende Perseus und die furchtbare Medea auf.Bälle gab es in Versailles und gibt es auf der Ballettbühne nahezu täglich. (Das Ensemble mit sonderbaren Mützen oder Perücken auf dem Kopf). Sie waren schon in der dritten Szene auf der Bühne, weil Persée zur Musik von Jean-Baptiste Lully während der realen Hochzeitfeierlichkeiten 1770 aufgeführt worden ist. Für seine Kreation verwendet Malandain jedoch vor allem, auch für den Schwerttanz von Perseus und Medusa, Symphonien von Joseph Haydn. Nur die hölzerne Puppe, das Kind Marie-Therese-Charlotte, hampelt zu einem Ausschnitt aus Christoph Willibald Glucks Oper Orphée et Euridice. Es liegt wohl am Respekt vor Haydn, dass sich jede Szene ins schier Endlose dehnt. Den Satz einer Symphonie schneidet man nicht einfach ab. Die jungen Garçons umschwärmen die junge, modebewusste Königin , deren Lieblingsfarbe hoffentlich nicht gelb ist.Dass die Farben der möglicherweise prächtigen Ballkostüme der Damen nicht leuchten, mag am Licht liegen; dass die Hofdamen und Schwestern des Dauphin und späteren Königs komische Mützen auf dem Kopf tragen und die Titelfigur (Elena Bottaro) in unkleidsames Gelb gehüllt ist, geht auf das Konto des Bühnen- und Kostümbildners Jorge Gallardo. 
Das Wiener Staatsballett ist wie seit Saisonbeginn bestens trainiert und freudig motiviert. Mit Elena Bottaro tanzen Andrés Garcia Torres (Ludwig XVI.), Rebecca Horner (Maria Theresia), László Benedek (Ludwig XV.), Mila Schmidt (Madame Du Barry), Aleksandar Orlić  (Axel von Fersen) und das gesamte Volksopernensemble des Wiener Staatsballetts. 
Das Ensemble steht am Ende für die Enthauptung Marie-Antoinettes.Thierry Malandain, geboren 1959, ist ein angesehener, auch preisgekrönter Choreograf, der mit dem Ballet Biarritz nicht nur in Frankreich Erfolge gefeiert hat. Diese leidlich unterhaltsame, doch choreografisch unergiebige Produktion gehört nicht dazu. Seit 1998 leitet Malandain das Centre chorégraphique national – Malandain Ballet Biarritz. Nach 28 Jahren, Ende 2026, wird er den Stab als künstlerischer Leiter und Direktor an den französischen Choreografen und Regisseur Martin Harriague abgeben.

Thierry Malandain: Marie Antoinette, Premiere, 20.12.2025, Wiener Staatsballett in der Volksoper. Orchester der Volksoper unter der Leitung von Christoph Altstaedt. 10 Folgevorstellungen: 22.12.2025 bis 5.4.2026.
Fotos: © Ashley Taylor / Wiener Staatsballett.