Farah Deen, Amabel Thomas, im Hintergrund Jerca Rožnik Novak.

Farah Deen, Amabel Thomas, im Hintergrund Jerca Rožnik Novak.

Im Rahmen ihres Langzeitprojekts „B-Girl Circle“ lässt die Choreografin Silk Grabinger mit ihrer Company Silk Fluegge ein mitreißendes Tanzstück im Dschungel Wien auf der Bühne kreisen. Drei Tänzerinnen sollen zeigen, dass B-Girls eigene Bewegungen haben und nicht den B-Boys hinterhertanzen müssen. B-Girling / B-Boying sind Tanzformen der Hip-Hop Bewegung und längst von der Straße auf die Bühne gewandert, als Wettbewerb (Battle) oder Performance. „Si(e)Si“ ist für junges Publikum ab 10 bis ∞ geeignet.

B-Girl in Action: Farah Deen, Amabelle Thomas, Jerca Rožnik Novak.Der Titel, „Si(e)Si – 5mm über dem Boden“ verlangt nach einer Erklärung. Die finde ich im Programmzettel: „SISI ist ein Breakdancemove und ‚Sissy‘ ist eine ältere Schwester oder ein Mann, der sich wie eine Frau verhält“. B-Girls, das ist inzwischen klar, sind weibliche Breakdancer, die eine ebenso hohe Disziplin wie athletische / akrobatische Fähigkeiten haben müssen wie von den Buben und jungen Männern verlangt wird. Die ehemalige Breaktänzerin Silke Grabinger war eine der wichtigen Figuren in der Breakdance-Szene, die sich mit anderen für die Gleichberechtigung der B-Girls eingesetzt hat. Ursprünglich waren auch Battles nur für B-Boys offen, und auch heute noch dürfen bei manchen Battles keine Girls auftreten. Grabinger meint, und das erklärt den Titelzusatz ihres neuen Tanzstückes: „Nach 20 Jahren habe ich das Gefühl, dass wir gerade 5 mm über dem Boden sind. Es gibt also noch einiges zu tun.“ Jerca Rožnik Novak lockt und verführt im Finale zum Mittanzen.

Anders als bei Wettbewerben, wenn einander zwei Formationen gegenüberstehen, wird eine Performance als 360° Tour, also im Kreis getanzt, das Publikum steht oder sitzt rundherum. „Si(e)Si“ ist eine Choreografie für B-Girls, doch ei der Wien-Premiere hat sich ein B-Girl die Zehe gebrochen und ist ausgefallen. Hilfreich ist der ungarische Tänzer und Choreograf Gergely Dudás, ohne zu Zögern, eingesprungen. Unbekannt ist ihm „Si(e)Si“ nicht, war er doch bei der Einstudierung in Linz als choreografischer Berater aktiv. Grabinger hat den nun schon munter im Tragetuch der Performance beiwohnenden Aurel Cosinus erwartet. Weder Powermoves noch Baby-Freezes waren noch erlaubt und möglich. Also: Gergely Dudás auch in der Wiener Performance, was dem Trio (mit Jerca Rožnik Novak, Amnabelle Thomas) einen deutlich anderen, zwischen den Moves auch sexuellen, Anstrich gegeben hat. Die beiden Girls bringen bei ihrem Auftritt eine weiße Rose im Topf mit, der Boy kommt mit einer Blattpflanze. Angeblich ist es ein Bananenbaum. Die Girls fragen insistent: „Wo ist die Banane“. Die jungen Frauen im Publikum kichern.

Noch überaus beweglich: Farah Deen mit Jerca Rožnik Novak. Der feine Witz macht die (in Windeseile adaptierte) Performance ebenso aus wie die Spins und Freezes, Powermoves und Footworks. Mit launigen Texten wird erklärt, was Breakdance bedeutet und zugleich über den Bühnentanz an sich gesprochen. Tanz ist Tanz ist Tanz, ob mit dem Boden verhaftet, wie in den zeitgenössischen Tanzformen oder zum Himmel strebend, wie im Ballett auf Spitze.

Wird zu Beginn der kurzweiligen Performance, wenn sich die Tänzerinnen und der Tänzer misstrauisch beäugen, Fußtritte verteilt, gegenseitige Attaacken gesprungen,  der Wettkampf imitiert, so fügt sich das Trio gegen Ende mit weichen Bewegungen und freundlichen Gesten allmählich zusammen, finden mit den Blumentöpfen seine Mitte und drehen sich, einander an den Händen halten, friedlich im Kreis. Dazwischen wird gesprungen und gepoppt, gekreiselt und gehopt. Das Publikum klatscht und wippt im Takt und kann sich bald nicht mehr auf den Sitzen halten. Sieht aus wie eine Doppelfigur: Tanz, fast in Tuchfühlung, ohne Break. Es darf und soll auch mittanzen, B-Girls aus dem Linzer „Circle“ machen es vor, die ersten Mädchen folgen dem Sog, der tatsächlich immer stärker wird und auch so manchen Buben und einige Erwachsene in den Zirkel zieht, bis nur noch wenige auf ihrem Recht als männliche (heranwachsende) Zuschauer beharren. Die Menge wogt im Takt, Frohsinn und Heiterkeit breiten sich aus, mittendrin die Choreografin samt winzigem Aurel.
Klug konzipiert, perfekt ausgeführt, unterhaltend, aussagekräftig und überaus animierend. Beglückend, wie ich es nur dem Spitzentanz zugetraut habe.

Silke Grabinger: „Si(e)Si – 5 mm über dem Boden“, Gastspiel von Silk Fluegge. Konzept, Idee, Choreografie: Silke Grabinger.
Mit: Farah Deen, Jerca Rožnik Novak, Amabel Thomas, Franciska Grill, Cornelia Serglhuber, Paulina Viteka, Marie-Sophie Fromherz, Vanessa Fischer, Michaela Leitner. Ersatzmann: Gergely Dudás.
Produktionsteam: Sandra Eidenberger, Adelina Nita; Choreografische Beratung: Gergely Dudás; Dramaturgische Beratung: Ludwig Felhofer; Ausstattung: Bianca Fladerer; Licht: Jan Derschmidt. Wien Premiere: 25. September 2019. Gesehen an 26. September;  letzte Vorstellungen: 28. September 2019. Dschungel Wien
Fotografiert von Meinrad Hofer noch mit der später verletzten Farah Deen.