Agnieszka Dombrowska, Karin Pauer tanzen in  die Zukunft.

Agnieszka Dombrowska, Karin Pauer tanzen in die Zukunft.

Der lange Titel gibt Auskunft über die Gedanken und das Konzept der Choreografin: „the next five hundred thousand years of movement“. Gemeinsam mit der Tänzerin Agnieszka Dmochowska blickt Karin Pauer zum zweiten Mal in die Zukunft der Bewegungen. Werden es in fünfhunderttausend Jahren noch menschliche sein? Eine ebenso unterhaltsame wie anregende, feinst konzipierte Arbeit in drei Akten.

Wie die Bewegungen in ferner Zukunft aussehen werden hat die Choreografin und Tänzerin schon im vergangenen Jahr beschäftigt: In der Reihe [8:tension] des ImPulsTanz Festivals hat sie eine bewegte Zeitreise von Kriechtier zu den aufrecht gehenden Wesen gezeigt. Nach „five hundred thousand years of movement“ 2018, jetzt „the next five hundred thousand years“. Agnieszka Dombrowska, Karin Pauer: Wer wird sich wie in der Zukunft bewegen?

Eine liebevolle Hommage an ihre und mit ihrer Mutter, Johanna Pauer, dient als Prolog. Zwei Generationen der Jetztzeit stehen auf der Bühne bevor sich Pauer und Dmochowska mit langsamen, nahezu ziselierten Bewegungen in die Zukunft bewegen.

Im weißen Raum des TQW-Studios hämmert der Beat, während sich der Klang von glucksendem Wasser und rauschendem Blätterwald darüberleget. Die Tänzerinnen schwingen und wiegen sich, gleiten über den Boden, falten sich in der Mitte zusammen, strecken sich wieder, sitzend klappen sie die Knie wie Scheren auf und zu. Oft bewegen sich die beiden Körper synchron, dann wieder ist der eine des anderen Schatten, sie bewegen sich im Sitzen, Liegen, Stehen. Noch Menschen oder bereits Cyberwesen? Fremdartige Wesen schauen uns ohne Augen an.
Der Beat stoppt abrupt – die Aliens sind gelandet. Körper ohne Gesichter, die uns dennoch anstarren, augenlos, doch intensiv. Unangenehm, aber nicht aggressiv, eher vergnügt und neugierig. Doch das aktuelle Menschenbild ist (von der Bühne) verschwunden. Nur das Wasser tropft weiter. Nach einer neuerlichen Verwandlung sind wir wieder in der Gegenwart, der Mensch bleibt Herr (oder Frau) der Welt, blendet sich und andere mit Godenen Worten und bunten Spielen. Noch!

Karin Pauer und Agnieszka Dmochowska zeigen eine großartige Performance. Ihre Körper haben eine Menge an Text gespeichert, den sie in Wiederholungen und Zerlegungen widergeben und dabei keineswegs langweilen, sondern Spannung aufbauen und durch feine Ironie auch unterhalten. In der ersten Choreografie zum Thema im Vorjahr, hat sie ihre Mutter am Ende auf die Bühne geholt und umarmt, diesmal stellt sie das Doppelbild an den Anfang. Die Aussage bleibt die gleiche: „The last child do be born, the last time being togehter.“ Denkt Karin Pauer an die Menschendämmerung? Mohamed Toukabri erzählt mit Worten, Bildern und Bewegungen.Dazu hat mir ihre Performance, haben mir die bewegten Bilder der beiden Tänzerinnen, zu gut gefallen.

Pauer ist mit Dmochowska an einem Doppelabend aufgetreten, an dessen Beginn der tunesische in Belgien lebende Künstler Mohamed Toukabri mit Charme seinen Werdegang zum Tänzer in Wort, Bild und Geste erzählt hat. Mohamed Toukabri ist in Tunesien aufgewachsen, lebt und arbeitet in Belgien. „The Upside Down Man (The Son oft he Road)“ ist eine bestrickende Performance, von den glühenden Augen und dem einnehmenden Lächeln des jungen Mannes bis zu seinem reichen Bewegungsvokabular. Er ist ein Reisender, in der alten Heimat nicht mehr wirklich zu Hause, in der neuen noch nicht. Doch er fühlt sich wohl „dazwischen“. „Sind wir nicht alle irgendwie, irgendwo dazwischen?“, fragt er. „Zwischen Kind und Erwachsensein, zwischen Nähe und Abstand, zwischen gestern und morgen?“. Da kann ich ihm nur zustimmen. Noch schwankt Toukabri zwischen Hip-Hop und Ballett, doch dass er seinen eigenen Ausdruck finden wird, ist sicher. Seine Bühnenpräsenz und das natürliche Charisma können das Publikum nicht gleichgültig lassen.

Doppelabend im Tanzquartier, gesehen am 10. Mai 2019.
Karin Pauer: „the next five hundred thousand years of movement“, Konzept: Karin Pauer; Performance, Choreografie: Agnieszka Dmochowska, Johanna Pauer, Karin Pauer; Kostüm: Emil Sysocki; Sound Support: Andreas Berger; Licht: Sveta Schwin. Fotos: © t-m-i-l.
Mohamed Toukabri: „The Upside Down Man (The Son oft he Road)“, Konzept, Performance: Mohamed Toukabri; Text: Mohamed Toukabri (Dank an Ines Ghannoudi; Zitate aus Les Identités meurtrières von Amin Maalouf); Musikkomposition: Kevin Strauwen; Video: Mohamed Toukabri, Gwen Laroche; Lichdesign, technische Leitung: Gwen Laroche; künstlerische Leitung: Eva Blaute. Fotos: © Emilie Jacomet.
Der Doppelabend ist am 10. und 11. Mai in den Tqw Studios im Rahmen des Festivals Rakete gezeigt worden.