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Gliff, ein Pferd mit einem mehrdeutigen Namen

Nach der eingehenden Beschäftigung mit der Gegenwert in ihren jüngsten vier Romanen, dem Jahreszeitenquartett (Original erschienen zwischen 2016 und 2020), widmet sich die großartige schottische Autorin Ali Smith der nahen Zukunft .Gliff, ein schottischer Begriff mit vielen Bedeutungen, ist eine Dystopie, die schlaflose Nächte beschert.
Gliff ist auch der Name eines Pferdes, das zwei Kinder vor dem Schlachthof retten und für Freiheit, Gleichberechtigung und Hoffnung steht. Ali Smith, gebürtig in Inverness 1962 und 2022 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet, stellt in ihren Romanen und Kurzgeschichten viele Fragen, gibt aber kaum Antworten. Ihr Stil ist unverkennbar, assoziativ und sprunghaft. Sie liebt die Mehrdeutigkeit und spielt gekonnt mit der Sprache und verzichtet auf Schwarzweißmalerei, es gibt kaum Gegensätze, IIronie und Melancholie stehen eng nebeneinander. How to Be Both, 2014 / Beides sein, Luchterhand, 2016, heißt auch ein Roman. Dass in Gliff all diese Talente und stilistischen Eigenheit nicht zu finden sind, dass Smiths markanter Stil kaum erkennbar ist, liegt nicht daran, dass sie sich verirrt oder eine neue Sprache gefunden hat, sondern an der Übersetzung. Nicht die versierte Übersetzerin aller bisherigen Texte Smiths, Silvia Morawetz, hat Gliff ins Deutsche übertragen, sondern von Stefanie Jacobs, einer diplomierten Literaturübersetzerin, die offenbar mit der Sprunghaftigkeit der Autorin und der Doppelbödigkeit ihres Stils, den englischen Sprachspielen und Assoziationen nicht so vertraut ist wie Morawetz. Allerdings muss zugegeben werden, dass Reime, Wortspiele und Rätsel aus dem Englischen kaum adäquat ins Deutsche übertragen werden können. In der etwas schwerfällige deutschen Sprach- und Redekultur kann die Eleganz von Ali Smiths Stil nur durch Erfahrung wiedergegeben werden.
Sei’s drum, „Gliff“ ist ein Märchen, in dem zwei Kinder, Bri (kurz für Briar / Dorn) und Rose, die Hauptrolle spielen. In einem totalitären Staat, markieren Maschinen alle jene, die sich nicht unterordnen, sich fügen oder schlicht schweigen, als „unverifizierbar“ kennzeichnen und ausgrenzen. So können die von ihrer Mutter allein gelassenen Geschwister ihr Haus nicht mehr betreten und irren allein durch die Welt. Rose, die jüngere, ist gefühlvoll, empathisch und voll Mitleid mit der Kreatur. Bri, der beides ist, also nicht binär, ist ein sprachverliebter Wortspieler. Wie fremd sich die Geschwister in dieser schönen neuen Welt fühlen, sagt Bri, der die Geschichte als Erinnerung berichtet: „Es schien, als würden sie mir alle den Rücken zukehren, auch die, die ich frontal anschaute.“
Dass Rose das Pferd Gliff tauft, führt zu einem Gespräch der Geschwister über die Macht der Namen und die vielen Bedeutungen von Wörtern. Bri schaut Wörter nach, die er nicht kennt, „idiomatisch“ etwa, oder „polisemisch“: Wie spannend, diese Vielfalt. Spannend auch, zu wissen und gleichzeitig ahnungslos zu sein …“ Um diese Aufregung, die Spannung und dieses Glücksgefühl selbst zu erleben, möchte man gleich Übersetzerin werden. Dann wäre die Welt bunter, Türen und Fenster wären offener und die Vielfalt, nicht nur die der Wörter und Begriffe, sondern von allem, was da kreucht und fleucht, auf zwei oder vier Beinen auf Flügeln oder Flossen, mit oder ohne Hörner, Bauch oder Busen grundsätzliches Wesensmerkmal, typisch für Lebewesen, Pflanzen und Dinge.
Während Bri sich dem System in der schönen / öde neuen Welt beugt, reitet Rose auf dem geretteten Pferd, Gliff, davon. Übrigens, um zu erklären „was Gliff bedeutet, benötigt Bri mehr als eine Buchseite. Die Aufzählung beginnt mit „ein kurzer Augenblick“ hüpft weiter und weiter zu „Sich erschrecken, Aufleuchten Auflodern“ und endet bei „Schnee zerstieben lassen.“ Man kann es sich aussuchen, was des Pferdes Namen bedeutet.
Im 2. Teil des Romans greift Ali Smith auf ein bekanntes Zitat, das zum Buchtitel geworden ist, zurück und zerlegt und dekonstruiert „Brave New World“, setzt aber die Wortfolge nicht wieder zusammen. Brave New World ist der Titel der 1932 erscheinen Dystopie von Aldous Huxley (Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft, Fischer Taschenbuch, 12. Auflage 2014). Huxley bezieht sich auf ein Zitat aus William Shakespeares Drama The Tempest / Der Sturm. Im 5. Akt sieht Miranda, die nur ihren Vater kennt, zum ersten Mal andere Menschen, was sie zu freudigem Staunen bringt: „O brave new world, that has such people in’t! / O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“ Zu Shakespeares Zeit bedeutete das englische Wort „brave“ schön und nicht tapfer wie heute.
Bri bleibt nicht immer braver Bürger. Nicht nur, weil das ist nicht das Ende. Fünf Jahre sind vergangen, Rose ist verschwunden und Bri leitet ein Arbeitslager, in dem junge Frauen als Sklavinnen fronen. Wenn die Arbeiterinnen, ausgehungert müde und krank, einen Fehler begehen, müssen sie bestraft werden. Bri kennt jedoch einen geheimen Void, einen leeren Raum ohne Kamera, auf den das System keinen Zugriff hat. Dort trifft Bri auf eine Person aus der Vergangenheit. Die Erinnerung an ein anderes Leben an seine Schwester und die Mutter geben ihm die Kraft das unmenschliche System wieder zu verlassen und Rose samt Gliff zu suchen. Ali Smith lässt uns nicht unter Tränen zurück, sie glaubt fest daran, dass sich die heranwachsende Generation für Freiheit, Gleichheit und Diversität einsetzen wird und die Welt eine bessere werden kann. Größeres Lesevergnügen bietet diesmal auf alle Fälle die englische Originalausgabe.
Ali Smith: Gliff, aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, 304 Seiten, Luchterhand, 2026. € 25,70. E-Book € 18,90.