
Giselle: Ein Debüt zum Abschluss

Giselle hat ausgetanzt. Am 8. Mai geisterte das betrogene Mädchen zum letzten Mal in dieser Saison als Willi durch den Wald. Für die Solotänzerin Margarita Fernandes allerdings war es das erste Mal. Sie bekam in der Staatsoper heftigen Applaus für ihr Debüt für die Titelrolle im romantischen Ballett Giselle. Dirigent Luciano de Martino leitete einfühlsam und sicher das Staatsopernorchester.
Wie de Martino stets seine Aufmerksamkeit neben den Musikerinnen im Orchestergraben auch den Tänzerinnen auf der Bühne schenkt, beobachtet Ballettdirektorin Alessandra Ferri auch ihr gesamte Ensemble. Nicht nur die Solistinnen und Solisten sind ihr wichtig, ihr Fürsorge gehört auch dem Corps de Ballet und so entdeckt sie stets neue Talente, lässt sie als Solistinnen / Solisten aus der Reihe tanzen. 
Diesmal konnte die Amerikanerin Meghan Lynch, seit der Spielzeit 2022/23 Mitglied des Corps de ballet des Wiener Staatsballetts, im Bauern-Pas de quatre mit dem Solisten Giorgio Fourés ihr Talent zeigen. Als zweites Paar ernteten Halbsolistin Gaia Fredianelli und Solotänzer Arne Vandervelde begeisternden Applaus. Immer wieder auffallend die zu Saisonbeginn von Direktorin Ferri zur Solistin ernannte Brasilianerin Sinthia Liz.In der letzten Vorstellung verkörperte sie im ersten Akt Bathilde, Albrechts (António Casalinho) Verlobte.Warum die noble Bathilde in der aufgefrischten Choreografie von Elena Tschernischova ihren Hut auf den Gartentisch knallen muss, erklärt sich mir nicht. 
Sei’s drum, im zweiten Akt schwebt Liz als Willi Zulma neben Myrtha, der Königin der Willis, eindrucksvoll und geisterhaft interpretiert von Milda Luckuté. Ferri hat die hochgewachsene Tänzerin, gebürtige in Litauen, vom Semperoper Ballett nach Wien geholt. Noch tanzt sie im Corps , etwa diesmal als Winzerin im ersten Akt.Die Rolle der Myrtha scheint ihr auf den Leib choreografiert. Perfekt der Kontrast für der würdevollen, unnachgiebigen Königin und ihren beiden elfenhaften Begleiterinnen, Zulma und Moyna (Phoebe Liggins).
Im Auge behalten sollten Ballettfans auch die junge in Neuseeland gebürtige Corpstänzerin Alice McArthur.
Noch tanzt sie eine der vier Freundinnen von Giselle, am 27. Mai wird sie ein Debüt feiern: Als Manon wird sie im gleichnamigen Ballett von Kenneth MacMillan in den Armen von Des Grieux (António Casalinho) liegen.
Was auch auffällt, ist die Arbeit der Ballettmeister*innen: Pino Alosa, Lukas Gaudernack, Marcelo Gomes, Barbora Kohoutková und Louisa Rachedi. Die Solistischen Nebenrollen, etwa der entzückend hilflos herumflatternde Wilfrid, Albrechts Freund. Trevor Hayden zeigt ein köstliches Kammerspiel. Auch Géraud Wilick, der als in Giselle verliebter Hilarion im ersten Akt mehr als Darsteller denn als Tänzer eingesetzt ist, pendelt gekonnt zwischen Liebesschmerz und Eifersucht.
Erst wenn er im zweiten Akt von den rasenden Willis zu Tode getanzt wird, kann der lebendige Belgier Sprungkraft und präzise Beinarbeit einsetzen.
Mit lang anhaltendem Applaus hat das Publikum, diesmal ohne die dauernd störenden Applausmaniaks, die wohl vom dynamischen Dirigat de Martinos im Zaum gehalten worden sind, Giselle verabschiedet. In der kommenden Spielzeit werden anstatt der Willis im Wald an neun Abenden kleine und große Schwäne am See tanzen.
Giselle, fantastisches Ballett in zwei Akten, 105 Aufführung, die letzte in dieser Spielzeit, 8. Mai 2026. 
Choreografie und Inszenierung: Elena Tschernischova nach Jean Coralli, Jules Perrot und Marius Petipa; Libretto: Théophile Gautier, Jules-Henri Vernoy de Saint-Georges und Jean Coralli nach Heinrich Heine;
Musik: Adolphe Adam.
Orchester der Wiener Staatsoper, Dirigent Luciano de Martino;
Wiener Staatsballett in der Staatsoper.
Fotos: © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor