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Tao Dance Theater zwischen Bewegung und Ruhe

Die fantastischen Tänzer des TAO Dance Theater aus Beijing begeistert das Publikum des ImPulsTanz-Festivals ebenso wie im vergangenen Jahr. Aus den aktuellen Numerical Series hat Choreograf Tao Ye im Burgtheater die Stücke 16 und 18, eine Uraufführung, gezeigt. Im Volkstheater waren die Nummern 13 und 14 zu sehen. Vier recht unterschiedliche Choreografien, von einem Kollektiv, gleichgeschalteter Figuren präzise getanzt.
Die Nummern der Tanzstücke lassen die Entstehungszeit ahnen und bestätigen die formale Sparsamkeit wie den musikalischen Minimalismus der Choreografien. Zugleich entspricht die Anzahl der Tänzer*innen dem kargen Titel. Eine wichtige Rolle spielt in allen Choreografien Tao Yes der Kreis. Circular Movement System nennt Ye die Grundlage der Bewegungen, die alle vom weichen, biegsamen Rückgrat ausgehen. Die Tänzer*innen, egal, ob es 13,14 oder 18 sind, bewegen sich gemeinsam im Takt, präzise und völlig synchron, als wäre ein einziger Körper auf der Bühne, dessen Glieder sich lockern und voneinander entfernen und bald wieder ineinander klicken. Es ist, als ob eine unhörbare Stimme die Befehle erteilt, wann der skulpturale Körper ruhen soll und wann er sich wieder in Bewegung setzen darf. 
Der Tanzkörper bewegt sich in kreisförmigen Rhythmus in stetiger Wiederholung, als würde ein Ritual absolviert. Schon weil die Anzahl der Tänzer*innen, geschlechtslose Wesen mit starren ausdruckslosen Gesichtern, je nach dem Titel des Stückes, wie gesagt eine Nummer (bis dato zwischen 2 und 18), stets wechselt hat jedes Stück einen anderen Grundton, was sich auch in den Kostümen ausdrückt, entworfen werden sie von Yes Gründungs- und Lebenspartner Duan Ni. Die ehemalige Tänzerin verwendet leichte Baumwollstoffe, in gedämpften Grau, Weiß oder Braun, aber auch in bunten Farben aller Schattierungen und Pastelltönen.
13 ist eine dynamische Choreografie, die sowohl die Ruhe einer doppelt kreisförmigen Bewegung ausstrahlt als auch die Spannung plötzlicher, abrupt ausgeführte Attacken Würfe, Fallen und Springen. Doppelt ist die Kreisbewegung, weil jede einzelne Figur sich mit bedachtsam gesetzten nackten Füßen in kleinen Drehungen fort bewegt und der 13-gliedrige Tanzkörper – man könnte diese mobile Skulptur auch ganz romantisch auch als Blütendolde sehen – sich, indem er die Bühne überquert ebenfalls dauernd in einer Rechtsdrehung befindet.
Mit Romantik übrigens hat Tao Ye gar nichts im Sinn, im Gegenteil keine Titel, keine Bühnendekoration, reduzierte Musik, ein geklimpertes Ostinato, das Ticken eines Metronom. Aber Licht und Schatten, lockere, weit schwingende Kostüme aus leichter Baumwolle.
Bei ImPulsTanz 2025 war Tao Ye nicht zum ersten Mal in Wien. Schon 2014 hat Festwochenintendant Markus Hinterhäuser die chinesische Truppe, Teil des Programms New Wave Associates von Sadler’s Wells in London, nach Wien geholt.
Damals konnte man die Choreografien 2 und 4, uraufgeführt 2012, sehen und an einem Abend auch Duan Ni als Tänzerin sehen. Heute teilt sie sich mit Ye die künstlerische Leitung und ist Kostümdesignerin der Compagnie
Im Programmheft der Festwochen 2014 konnte man aus einem Interview mit Tao Ye, der das Dance Theater gemeinsam mit Duan Ni 2008 gegründet hat, erfahren, warum er seinen Stücken statt Titel Nummern gibt: „Ich hoffe, die Konventionen der Sprache abschütteln zu können, die das Publikum beeinflussen, bevor es noch die Aufführung gesehen hat.“
Überdies erklärt er, warum es in den Probensälen keine Spiegel gibt: „Im herkömmlichen Ballett sind die Tänzer dem Spiegel zugewandt, um ihre eigenen Bewegungen zu studieren und dadurch den erzielten ästhetischen Effekt zu gestalten, […] In meiner Form des Tanzes geht es aber darum, mit dem inneren Selbst zu kommunizieren und so den Spiegel auszuschalten, um die innere Erforschung der Grundelemente der tänzerischen Bewegungen zu vertiefen.“
Den Tänzer*innen des TAO Dance Theaters zuzusehen, ist beglückend und beängstigend zugleich. Wenn in sich in 14 der Block aus sieben Zweiergruppen auf ein unhörbares Kommando erhebt und bewegt und sich nach ein paar Takten wieder wie ein gemeißeltes Standbild wieder zu Boden gleitet, dann erinnert die Vorstellung fatal an die Feiern von Sportfesten oder politischen Anlässen, wenn tausende Junxun (Schüler, Studenten, Jugendliche) ein Stadion füllen und sich synchron und überaus präzise bewegen.
Tao Ye arbeite als Gastchoreograf auch mit europäischen Ballettcompagnien. Ein Blick auf diese Choreografien wäre interessant.
2023 wurde Tao Ye, im medialen Ranking gerne als radikalster und innovativster Kopf zeitgenössischen Tanzes bezeichnet, bei der Biennale di Danza in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Gezeigt wurden damals die Stücke 11, 13 und 14. In 11 geht es um das Individuum innerhalb eines Kollektivs. Spannend ist, zu verfolgen, wie viele Choreografien er seiner Numerischen Serie noch folgen lässt.
Das Kollektiv auf der Bühne wird jedenfalls immer größer. Schon mit den 14 Tänzer*Innen wurde das Verbeugungsritual zu einer eigenen, beeindruckenden Vorstellung.
Erst als Tao Ye und Duan Ni gemeinsam die Bühne betraten, durften die Künstler*innen für 10 Sekunden einzeln aus der Reihe treten und sich kurz vorstellen. Einen Augenblick lang dürfen die Tänzerinnen und Tänzer Individuen sein, ein zaghaftes Lächeln stiehlt sich in manches Gesicht, gleich wird die Reihe wieder geschlossen. Präzision und Restriktion bis zum Ende. Auch wenn der Applaus und mediale Hymnen den nahezu mythischen Ruf das Compagnie bestätigt und ich jeden Abend genossen habe, so kann ich die Momente der Gänsehaut nicht leugnen. Die Tänzer*innen der Numerical Series machen den Eindruck aus dem Kloster zu kommen, sind Nonnen und Mönche, die einem täglich wiederholten Ritual folgen.
ImPulsTanz: TAO Dance Theater – Numerical Series: 16 & 18 im Burgtheater, 20., 22.8.
+ 13 & 14 im Volkstheater, 24. + 26.8.2026, + Zusatzvorstellungen, wegen des großen Interesses.
Künstlerische Leitung: Tao Ye, Duan Ni;
Choreografie, Licht: Tao Ye; Musik (13): Xiao He; Sound Konzept (14): Tao Ye; Kostüme: Duan Ni, Fotos: Fan Xi, Duan Ni