Autor Klaus Cäsar Zehrer. Foto Maurice Haas, © Diogenes

Autor Klaus Cäsar Zehrer. Foto Maurice Haas, © Diogenes Verlag

Klaus Cäsar Zehrer hat sich des angeblich „intelligentesten Menschen aller Zeiten“ angenommen und aus seinem interessanten Leben einen Roman über William Sidis, vollgepackt mit historischen Fakten, geschrieben. Man benötigt eine gute Portion Durchhaltevermögen – die Sidis nicht hatte –, um sich bis zu seinem Tod mit 46 Jahren durchzukämpfen. Doch hat Zehrer nicht nur das Leben des Wunderkindes erforscht, sondern gibt auch einen Einblick in den Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bis zum 2. Weltkrieg.

Der Amerikaner William James Sidis hat zwar in seiner Freizeit erfolgreich die Theorie von Schwarzen Löchern erstellt, doch sein gesamtes Erwachsenenleben als einfacher Angestellter verbracht. Er ist ein mit Bedacht gezüchtetes Wunderkind gewesen, dessen Intelligenz ihn jedoch außerhalb der Gesellschaft stellte. Diese hat ihn nicht verstanden und er konnte sich nicht anpassen. Ihm fehlte die emotionale Intelligenz. Trotz seiner überragenden Intelligenz fand er sich in der Welt nicht zurecht.

 William James Sidis.1914:, eben hat er sein Harvard-Studium abgesclossen. © Lizenzfrei / Wikipedia William James Sidis ist 1898 als Sohn jüdischer Einwanderer geboren. Seine Eltern, Boris Sidis und Sarah, geborene Mandelbaum, waren vor den Pogromen, bei welchen Sarahs Eltern getötet worden waren, geflohen. Beide waren hochintelligent und konnten in kurzer Zeit ihr Medizinstudium in Boston erfolgreich beenden. Boris hatte die Idee, dass durch frühkindliche Bildung die Intelligenz gefördert und hochgetrieben werden kann. Er meinte, man könne Genies züchten, wie Paradeisersorten.

William konnte mit 18 Monaten täglich die Zeitung lesen; mit vier las er Homer und Caesar im Original und erfand nur wenig später die Kunstsprache Vendergood, die nur eine der 40 Sprachen war, die er später gesprochen hat. Mit elf stand er vor den kopfschüttelnden Professoren der altehrwürdigen Bostoner Harvard Universität und referierte über die „vierte Dimension“.

Begabtenförderung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein Fremdwort, und die Universität wurde nicht glücklich mit ihm, die Kommilitonen auch nicht und er nicht mit allen. Nur die Medien interessierten sich schnell für das Wunderkind, was dem jungen William mehr als zuwider war.

Er wurde immer exzentrischer, zog sich mehr und mehr aus der Welt zurück und bald verloren auch die Medien das Interesse an ihm. Schuld an seiner scheinbaren Schrulligkeit waren wohl nicht nur die fehlende Wärme und Liebe im ehrgeizigen, erfolgsorientierten Elternhaus, sondern auch seine hohe Moral. Er wollte ein perfektes Leben führen. Doch das gelingt nicht innerhalb der Gesellschaft. Unbeirrbar blieb er bei seinen selbst aufgestellten Dogmen, kümmerte sich auch nicht um die gesellschaftlichen Grundlegen eines Lebens in der Gemeinschaft. Dadurch wird mir während des Lesens dieses als Kind so selbstbewusste Genie mit der Zeit richtig unsympathisch.

Ich bin der einzige Normale. Das merkt nur keiner, weil die Welt verrückt ist.

So zitiert Zehrer seinen Helden. Ich meine wirklich, Sidis war ein Held, weil er sich durch nichts von seinem Weg abbringen ließ. Auch Helden können ungenießbar sein. Der Vater, Boris Sidis:  Sonderbare pädagogishe Ansichten. © Lizenzfrei

Autor Zehrer hat genau recherchiert und das Leben von William Sidis minutiös dokumentiert, das ermüdet ein wenig. Natürlich ist „Das Genie“ keine Doktorarbeit, auch wenn einige Quellen und Anmerkungen im Anhang Geschriebenes belegen. Doch ein Roman braucht auch alles, was zwischen den Fakten passiert, gedacht, gefühlt, gelebt wird. Daher muss der Autor imaginieren, Details einfügen, die sich einfach nicht recherchieren lassen. Etwa die Beschreibung des einzigen Kusses, den William je mit einer Frau (der Journalistin und Autorin Martha Foley) getauscht hat, oder seiner einsamen Abende in vergammelten, eisigen Stuben in Boston und New York.
Zehrer vermeidet es, zu urteilen oder zu interpretieren. Dr. Freud taucht zwar als Phantom auf, weil Boris Sidis ihn und seine Theorien hasst, doch triviale Psychologie bleibt ausgespart. Dennoch ist der Roman mühsam zu lesen. Auf Seite 527 finde ich folgenden Satz: „Die Amerikaner wollten von William James Sidis nichts mehr wissen. Die Geschichte war ihnen zu lang und zu kompliziert geworden.“ Buchcover / Diogenes Verlag So ist es mir als Leserin auch ergangen. Dieser unaufhaltsame Abstieg, dieses sture Beharren auf seinen Dogmen, die unbeugsamen, eisigen Eltern, das zermürbt. Die Spannung lässt nach 450 Seiten merklich nach, doch vom ersten Drittel, solange das Wunderkind eher zum Wundern als wunderlich ist, bin ich fasziniert, gespannt und auch ein wenig gerührt über dieses kleine Monster, das die alten Uniprofs mit den Ohren schlackern lässt.
Auch in den USA ist William James Sidis weitgehend vergessen, erst in jüngster Zeit erinnert man sich wieder seiner. Klaus Cäsar Zehrer leistet einen Beitrag dazu.

Klaus Cäsar Zehrer: „Das Genie“, Diogenes, 2017. 650 S. € 25,70. Auch als e-Book erhältlich

William James Sidis’ Leben ist auf der englischen Wikipedia-Seite ganz gut dokumentiert.