Das eindrucksvolle Filmplakat. © polyfilm

Das eindrucksvolle Filmplakat. © polyfilm

In großartigen Bildern erzählen Regisseur Nicolas Vanier und Drehbuchautor Matthieu Petit im Film „Der Junge und die Wildgänse“ von der Migration der Wildgänse, dem Mut eines Teenagers und der Liebe seines Vaters zur Natur und dem Schutz aussterbender Tierarten. Die Reise der Zugvögel, im Film die Wildgänseart der Zwerggänse, eine der seltensten Gänsearten in Europa, im Sommer nach Norden und nach einem halben Jahr wieder zurück in ihre Sommerquartiere, fasziniert nicht nur Biolog*innen, sondern auch Literat*innen und Filmemacher*innen.

Schon vor mehr als 115 Jahren ist der Roman „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ von Autorin Selma Lagerlöf erschienen. Thomas kommt auf den Geschmak. Mit dem Vater flattert er vor den jungen Gänsen her. Bilder: © polyfilmDie schwedische Autorin (1858–1940) war die erste Frau, die mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden ist (1909) und auch die erste Frau, die in die Schwedische Akademie aufgenommen worden ist (1914). Der faule und bösartige Bauernsohn Nils wird in einen Wichtel verwandelt und fliegt auf dem Rücken des Gänserich Martin über Schweden. So sollten Kinder ihre Heimat kennen lernen. Zeichentrickfilme und Realverfilmungen haben bis heute Nils Holgersson am Leben erhalten. Mit dem Bau von Ultraleichtflugzeugen, ausgestattet mit Geodatenloggern, haben sich auch Dokumentarfilme über die „Nomaden der Lüfte“ (internationaler Dokumentarfilm von Jacques Perrin und anderen, 2001) ihren Platz im Kino gesichert. Der aktuelle Film, der im Original den romantischen Titel „Gib mir Flügel“ („Donne moi des ailes“) hat, basiert ebenso wie der Familienfilm „Amy und die Wildgänse“ (Original: „Fly away“, 1996) von Carroll Ballard, auf wissenschaftlichen Tatsachen. Thomas sieht, wie die kleine Gans sich aus dem Ei peckt. Er nennt sie Akka.Die Geschichte ist in beiden Filmen ziemlich ähnlich: Vater-Tochter- oder Vater-Sohn-Beziehung, ein schräger Naturliebhaber und Hobbyforscher (der jeweilige Vater) und ein mutiges Mädchen / ein mutiger Bub, die den auf sie geprägten Vögeln, als Elternersatz, den Weg von den ursprünglichen Brutplätzen in der Arktis zurück ins Winterquartier im Süden zeigen. Der Unterschied beider Filme liegt in der Technik, die sich in den vergangenen 20 Jahren rasant entwickelt hat. Durch den Einsatz neuer GPS-gesteuerter Kameras und nahezu vibrationsfreier Ultraleichtflugzeuge erreicht Vaniers Film (Luftaufnahmen: Philippe Petit) eine Perfektion, die älteren Spiel- und Dokumentarfilmen nicht möglich war.

Was „Der Junge mit den Wildgänsen“ wirklich sehenswert macht, sind die atemberaubenden Bilder vom Flug der jungen Gänse hinter dem, Wenn das Flugzeug hochsteigt, beginnen auch die Gänse zu fliegen. Allmählich werden sie flugtauglich. von Thomas, dem 14jährigen Jungen (Louis Vazquez), gesteuerten Ultraleichtgerät, über den Himmel von Norwegen bis in die Camargue, wo sie aufgewachsen sind. Eigentlich wollte Vater Christian (Jean-Paul Rouve) den von ihm aufgezogenen Junggänsen den Weg zeigen, da die Flugroute nicht genetisch fixiert ist, sondern ihn von den Eltern gezeigt und eingeprägt wird. Christian will die Tiere mit dem Flugzeuglärm vertraut machen, und, damit sie sich auch an den Menschen gewöhnen, hat er für sich und den widerspenstigen Sohn, der die Ferien bei ihm verbringen soll, während die Mutter mit ihrem neuen Freund Urlaub macht, flatternde Mäntel und Gänsekopf-Kappen genäht. Thomas findet das anfangs nur komisch, er würde lieber an seinem Computer sitzen, doch in der einsamen Farm an den Sümpfen in Südfrankreich gibt es kein W-LAN. Pech gehabt. Nolens volens rennt er mit dem Vater mit, um der heranwachsende Gänseschar die Mutter zu ersetzen. Thomas schaut mit großen Augen zu, wie ein Gänschen sich mit dem Schnabel aus dem Ei hackt, und verliebt sich sofort in das flauschige Küken. Ein Bild aus dem Märchenbuch: Thomas spielt mit Akka im Wasser.Doch ausgerechnet dieses ist gar keine Zwerggans, es stammt aus einer anderen Art. Vater Christian will es eliminieren, um die Vermischung der Arten zu verhindern. Doch Thomas nimmt das Kleine, das er Akka tauft, in Schutz und lässt es sich nicht wegnehmen. Bald findet er Gefallen an der Beschäftigung mit der Natur und einem Leben mitten unter der Gänseschar. „Meine Damen“ ruft er sie später, denn es sind lauter Weibchen, die sich mit der männlichen Population in Norwegen paaren sollen. Neugierig und technikaffin, wie fast alle Buben, lässt er sich vom Vater auch das Fliegen beibringen.
Bevor den jungen Gänsen in Norwegen die Flügel gestutzt werden, ergreift Thomas die Flucht, die Gänse folgen ihm zurück nach Frankreich. Der erste Versuch des Vaters geht schief, die Gänse folgen dem Flugzeug nicht, sie beachten es kaum und watscheln vergnügt hinter Thomas her. Er ist ihre Mutter geworden, auf ihn sind sie geprägt, und als Thomas sich ans Ruder setzt und einen kleinen Rundflug über den Sumpf wagt, fliegen sie, noch etwas ungeschickt, hinter ihm her, die kleine Akka sitzt warm unter seiner Jacke. Konrad Lorenz (siehe weiter unten) grüßt von Ferne.

Es kommt wie es kommen muss, die Hygienevorschriften in Norwegen, wohin die Gänse von Christian und Thomas mit dem VW-Bus gebracht worden sind, gebieten, dass die Vögel in Quarantäne kommen und ihnen die Flügel gestutzt werden. Nur die gemeinsam Flucht von Mensch und Tier kann die mühsam aufgezogenen und kerngesunden Vögel jetzt noch retten. Freund Bjørn, der Verbindungsmann zu Norwegen, appelliert an Christians Moral und Verantwortung. Er darf und kann nicht mit den Gänsen entfliehen. Von Mut und Übermut gepackt, startet Thomas das Flugzeug und steigt in den Himmel, hinter ihm die ganze Vogelschar.
Thomas (Louis Vasquez) trotzt auf seinem Flug Sturm und Unwetter.Dass dieser Weitflug unter dem Himmel, durch Wind und Wetter, nicht ohne Gefahren gelingt, ist klar. Doch Thomas schafft es schließlich, mit Unterstützung der inzwischen, nach einer Notlandung in einem einsamen Landstrich, aufgesprungenen Bevölkerung und der Medien,  wieder zu Hause zu landen. Das wissenschaftlich belegte Ende des Films: Die Gänse finden nun auf der ihnen nun bekannten Route im Sommer zurück zu ihren Brutplätzen und fliegen im Winter retour in den Süden, wo sie geschlüpft und aufgewachsen sind und ihre Leitgans, Thomas, den Helden, wieder finden.
Pate des Films ist ungenannt der 1989 verstorbene Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz, der als „Vater der Graugänse“ durch seine populärwissenschaftlichen Bücher auch breiten an der Natur interessierten Leserschichten bekannt geworden ist. Naturliebhaber und Regisseur Nicolas Vanier fliegt mit dem Meteorologen und Naturschützer Christian Moullec und den Vögeln. Von da an träumte er von seinem Film. © Superbass / wikipediaOrientiert haben sich Vanier und Petit an der Arbeit des Meteorologen Christian Moullec, der sich dem Schutz der Zwerggänse verschrieben hat. Er hat mit Gänsen und Kranichen, die er zuvor auf sich geprägt hatte, Flüge mit Ultraleichtflugzeugen unternommen und fotografisch dokumentirt. Vanier kennt ihn und ließ sich vom ersten gemeinsamen Flug im Leichtflugzeug inspirieren.
Nicolas Vanier, Abenteurer, Fotograf, Naturfreund und Filmregisseur. ©  E. Travers / http://nicolasvanier.com Nicolas Vanier selbst, geboren 1962, ist eher nebenbei Filmregisseur, seine Liebe gilt den Landschaften Skandinaviens, die er gut 30 Jahre lang als Abenteurer durchzogen hat. „Ich bin weder Wissenschaftler noch Politiker“, sagt er, „sondern Zeuge. Was ich sah, brache mich dazu, handeln zu wollen. In gewisser Weise möchte ich heute der Natur alles zurückgeben, was sie mir gegeben hat. Darum geht es jetzt in meinen Träumen von Filmen, Reisen und Büchern.“
So ist natürlich sein jüngster Film auch mehr Traum als Realität, mit reichlich Zuckerguss und Druck auf die Tränendrüsen. Ein Genussfilm eben, dem es an Spannung, echtem Anliegen, Liebe zur Natur und wissenschaftlichem Hintergrund nicht fehlt.

„Der Junge und die Wildgänse“, Originaltitel: „Donne moi des Ailes“. Regie: Nicolas Vanier; Drehbuch: Matthieu Petit; Kamera: Éric Guichard; Luftaufnahmen: Philippe Petit, Assistenz: Alexandre Chapuis; Spezialeffekte: Thomas Duval, Nicolas Lacroix. Gedreht in Frankreich und Norwegen.
Mit Jean-Paul Rouve, Louis Vasquez, Fred Saurel, Mélanie Doutey und anderen. Verleih: polyfilm.
Der Kinostart war für den 9. April 2020 vorgesehen. Einen neuen Starttermin bestimmt das Coronavirus SARS-CoV-2, beziehungsweise sein Verschwinden.