Das Mitsommerfest in Hågar beginnt fröhlich. © Csaba Aknay, Courtesy of A24

Das Mitsommerfest in Hågar beginnt fröhlich. © Csaba Aknay, Courtesy of A24

Die Reise beginnt in der realen Welt. Die Studentin Dani muss über eine Familientragödie hinwegkommen und findet wenig Verständnis bei ihrem selbstbezogenen Freund, Christian. Um sie abzulenken, lädt der Studienkollege Pelle Dani, Christian und zwei Kumpel in seine Heimat Schweden ein, wo sie an der Sonnwendfeier teilnehmen dürfen. In Ari Asters Film „Midsommar“ wandeln sich die fröhlichen Tänze und bunten Blumenkränze allmählich in einen drogengeschwängerten Horror-Trip.

Dani (Florence Pugh) im Gemeinschaftsschlafraum in Hågar.  © Courtesy of A24 Mit seinem ersten Langfilm „Hereditary – das Vermächtnis“ hat der US-amerikanische Ari Aster 2018 viel Ehre eingeheimst und gilt unter Freund*innen des Horrorfilms als Nachfolger Quentin Tarantinos. Er selbst hat in einem Interview auf dem Portal von IndieWire  Ingmar Bergman „My Heroe“ genannt und auf seiner langen Liste von Lieblingsfilmen „Fanny und Alexander“ als einen der Filme, die ihn zu „Midsommar“ inspiriert und beeinflusst haben auf seiner langen Liste von Lieblingsfilmen stehen. Aster kommt in beiden Filmen ohne düstere Wälder, wabernde Nebel und Wolfsgeheul aus. „Midsommar“ ist vom Mainstream-Horror so weit entfernt wie der nackte Wahnsinn vom leichten Gruseln sensationsgieriger Zuschauer*innen.Der Alte gibt den Ton an. © Courtesy of A24

Zwar ist die Erzählung mit 2 ½ Stunden ein wenig zu lang und mit Wiederholungen sowie dem nervtötenden Dauergeheul von Dani (Florence Pugh) gespickt, doch wenn man mit Dani und den vier jungen Männern von denen mich keiner brennend interessiert: Egoisten, Machos, Lügner und Betrüger) in Schweden ankommt, ist es überall frühlingshaft mild und schön, und sie werden alle von einer weiß gekleideten Gemeinschaft liebevoll begrüßt. Es ist eben Midsommar und wie das in Schweden gefeiert wird, kennt man gemeinhin. Fröhliche Mädchen mit Blumenkränzen auf den Locken tanzen singend im Kreis. Das ist auch in Hårga so. Nur lange bleibt es nicht so friedlich, immer deutlicher wird, dass Pelle seine Freunde (?) und Dani in eine Sekte geführt hat, die seltsame Rituale pflegt. Angeblich nur alle 90 Jahre. 

Dani heult lauthals, die anderen schreien mit. Eine befreiende Therapie. © Courtesy of A24Gruselig, so gruselig, wie man es gewohnt ist, wird es nie, die Sonne scheint ja im Norden Europas um Mitsommer (womöglich ein Überbleibsel aus einem steinzeitlichen Kalender, denn der Sommer hat am 21. Juni gerade erst begonnen) auch in der Nacht. Beklemmend sind aber die strengen Regeln dieser Gemeinschaft, die auch Todesstrafe und Menschenopfer beinhalten. Es sind sanft erscheinende Rechtsradikale, die hier den Kreis um die Gäste immer enger ziehen. Die jungen Männer werden gebraucht, damit der Nachwuchs gesichert ist, denn man sieht vor allem Mädchen in Hågar, und ein paar alte Männer, die offenbar die Gesetze erdenken. 

Aster hat sich viel mit alter nordischer Kultur befasst, zeigt Reihen von alten Futhark-Runen auf Bildern und in geheimen Büchern. Christian und Josh sind begeistert, sie studieren Ethnologie und wollen die Rituale in Hågar als Thema ihrer Dissertation wählen. Dass dann einer der beiden in das geheime Haus eindringt, um Seiten aus der Runen-Bibel zu fotografieren, zeigt, dass diese jungen Männer auch dumm sind. Es gibt ein Wetttanzen, aber keinen Gnadenschuss, doch Dani ist bereits übergeschnappt und tanzt bis zum Umfallen und ist damit die Maienkönigin geworden.Noch sind alle glücklich, die Maienkönigin ist gekürt, das Schicksal nimmt seinen Lauf. Courtesy of A24 Seit sie in der Küche mithelfen durfte, das frugale Mahl vorzubereiten, fühlt sie sich von den jungen Frauen im abgeschiedenen Hågar verstanden und hat auch eine Freundin gewonnen. Die Maienkönigin wird in einer von Mädchen gezogenen Kutsche über die Felder gefahren, um die die Flur zu segnen. Auch im Detail beginnt jede Szene harmlos unter sanft lächelnden Menschen, doch das Ende ist düster, obwohl der Himmel blau und die Sonne golden ist.

Asters Film sprengt jegliche Erwartung und alle Genregrenzen. Fantasy und Märchen, Trauerbewältigung und Katharsis, alte Kultur und neue Sekte, der Horror ist ein anderer, denn die zermantschten Schädel und auch das von keuchenden Frauen begleitete Begattungsritual reizen eher zum Lachen als zum Schaudern. 

Ich muss gestehen, dass ich mich mitunter auch gelangweilt habe, zu viel Geheule, zu viel Getänzel, zu viele Geheimnisse, Ankunft in Hågar: Dani, (Florence Pugh), Pelle (Vilhelm Blomgren), Christian (Jack Reynor)doch die Qualität des Filmes (durch die Kamera von Pawel Pogorzelski, der als Studienfreund von Aster auch schon für „Hereditary“ gearbeitet hat, gesteigert) zeigt sich erst Tage danach. Bilder, die im Kopf kreisen, Engegefühl, wenn ich an das Leben in Hågar denke, auch Verwunderung über die vielen Fragen, die offen bleiben und die mangelnde Logik vieler Andeutungen und Ereignisse. Bleibt Dani jetzt bei dieser Sekte?
Oder hat sie etwa alles nur geträumt, musste niemals giftige Pilze essen, betäubenden Tee trinken und als Maienkönigin Todeskandidaten wählen?
Regisseur Ari kann nicht nur ein märchenhaftes Drehbuch schreiben und einen ebensolchen Film inszenieren, sondern auch ganz gut formulieren: „Mein Film ist ein Horrorfilm, oder, wenn Sie wollen, ein Zauberer von Oz für Perverslinge.“

Ari Aster: „Midsommar“, Kamera: Pawel Pogorzelski. Musik: Bobby Krlic aka The Haxan Cloak. Mit Florence Pugh (Dani), Jack Reynor (Christian), Vilhelm Blomgren (Pelle) und vielen schwedischen Darsteller*innen. 140 Minuten. Ab 27. September 2019 im Kino.