
Ein Roman über einen Roman in einem Roman

Nicht aufgeben. Weiterlesen. Ganz einfach ist der Roman, Melville verschwindet, von Thomas Lang nicht zu verdauen. Geht es doch zugleich um zwei Schriftsteller, den Autor Herman Melville, und zugleich um den fiktiven Schriftsteller Paul, genannt Meander. Der eine ist so unglücklich und erfolglos wie der andere einst war. Meanders Roman über den amerikanischen Autor will keiner lesen.
Der erste Anlauf gelingt nicht. Der Icherzähler, also Meander – gemeint ist vermutlich Mäander, ein verschlungener, gewundener, kurvenreicher Verlauf, ursprünglich auf Fließgewässer angewendet und Mäander genannt. Es ist nicht die einzige Anspielung, die an die Schulbildung der Leserinnen appelliert – Meander also hat einen Roman über Herman Melville (1819–1891) geschrieben, für den er keinen Verlag findet. Überdies hat er seine kleine Tochter verloren, seine Frau hat ihn verlassen. Ein Jammerpeppi, wie er nicht nur in Büchern steht. Ich klappe zu. Nach10 Seiten verschwindet Melville im Orkus. 
Wimmernde Männer in der Krise haben mich noch nie interessiert. Wie ich auch Abenteuerromane nur gelesen habe als ich noch keine Teenagerin war. Auch die Abenteuerromane für Erwachsene sind ja für Männer geschrieben, in der Literatur darf gejammert und gewinselt werden, im Leben nicht. Doch ob einer gern Held sein möchte, und sich deshalb mit einem Wal, nicht so einem kleinen Buckelwal, der sich verirrt hat und aus dem seichten Wasser der Ostseeküste nicht wegkommt, sondern einem riesigen Wal oder gleich mit einer Horde Haie anlegt, und leider unterliegt, ist mir – auf gut Wienerisch gesagt – powidl.
Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat, habe ich vom französischen Literaturprofessor Pierre Bayard gelernt. Echt jetzt. Seine Anleitung ist in der 6. Auflage bei Antje Kunstmann erschienen und seit 2013 auch als E-Book verfügbar. Deshalb, weil ich Bayard auswendig gelernt habe, kann ich über Moby Dick ebenso palavern wie über diesen alten Mann auf dem Meer. Natürlich fühlt man sich dabei oft als Reiterin über den Bodensee. Was tun, wenn das Eis bricht? Deshalb, herbei wieder mit Melville, den Thomas Lang verschwinden lässt. Bis man an den Punkt kommt, wo Melville im Bauch des Wals verschwindet, wie der Prophet Jona oder der hölzerne Pinocchio, ist man längst eingelesen und erträgt es auch, wenn man einzelne Mitspieler*innen aus dem Umkreis Melvilles nicht genau zuordnen kann und sich auch wundert, warum diese plötzlich das Wort ergreifen und die Geschichte auf ihre Weise weiter erzählen. Thomas Lang hat Lust am Mäandern, am Ausufern und Spekulieren.
Der flüssige, nahezu poetische Stil des Autors Thomas Lang, macht jegliche Verwirrung wett. Und man erkennt, dass man gar nicht alles wissen muss. Meander ist es ja, der auf den Spuren Melvilles wandelt, in dessen Roman mit vielen echten Zitaten aus Melvilles Briefen und Notizbüchern, man tatsächlich eintauchen kann (ohne mit dem Meer zu kämpfe oder ein alter Mann zu sein).
Eine Schulbuchbiografie ist es natürlich nicht, die Meander / Lang in bunten Farben mit Pinsel und Kreide, Bleistift und Feder gemalt hat.
Melville selbst, hat ja auch allerhand erfunden und seine Erlebnisse als Deckjunge, Matrose oder Walfänger ordentlich verziert und ausgeschmückt. Nicht nur der Magier Houdini tritt auf im abwechslungsreichen großen Melville-Theater. Auch Te Pēhi Kupe, ein Maori-Häuptling, den Melville aber nie getroffen hat, doch zu seiner Romanfigur gemacht hat. Meander wünscht sich, er wäre Melville, verwandelt sich vor dem Spiegel in Te Pëhi Kupe. So verschlingt Autor Lang die beiden Leben, das Melvilles, von dem es weniger zu wissen gibt, als die Biografen gern hätten, mit dem Meanders, der sich selbst in Melville spiegelt, bis er am Ende erkennt, dass er doch nicht Melville ist und auch nicht sein muss. Verschlungen sind aber auch die Romane in sich selbst. Der Roman, den der reale Autor Thomas Lang geschrieben hat und der vielleicht auch noch gar nicht fertig ist, Meander / Paul lebt ja noch, mäandert um den Roman den Meander / Paul nicht fertigbringt, bis er seinen Helden im Bauch eines Wals verschwinden lässt.
Doch Wale zerkauen bekanntlich weder literarische Figuren noch echte Menschen, sie spucken sie wieder aus.
Lang gelingt es, viele, der heute brisanten gesellschaftlichen Themen so nebenbei zu befragen. Ist Karim, der Freund Meanders ein fröhlicher Transvestit oder hat er tatsächlich eine Transidentität? War Melville homosexuell? Ist Grausamkeit ein Vorrecht der Mächtigen? Und natürlich auch: Dürfen Frauen es den Männern gleichtun? Meander / Lang erzählt von Emily Roebling, der Schwiegertochter des Konstrukteurs der Brooklyn Bridge, des deutschen Ingenieurs Johann August Roebling.
Viel zu früh starb er an einer Tetanusinfektion, worauf sein Sohn Washington Roebling die Bauleitung übernahm. Auch der lebte nicht lange, verstarb im Zuge der Arbeiten unter Wasser an der Caissonkrankheit. Emily kommt aus dem Büro und übernimmt die Leitung des Brückenbaus. Sie wird am 24. Mai 1883 die Erste sein, die die Brücke überquert. Was hat das alles mit Melville zu tun? Jahrs zahlen! Roebling war ein wenig älter als Melville, starb aber früh (1869). Meander erzählt natürlich, dass Melville sich als Arbeiter beim Brückenbau verdingen wollte, obwohl er als Zollbeamter angestellt war. Emily Roebling findet das verdächtig. Ich weiß also viel von der Familie Roebling, aber nicht viel mehr über Herman Melville, was auch egal ist. Wozu gibt es Wikipedia, dort schnuppert auch meine Katze! Doch den Bayard-Trick habe ich diesmal nicht angewendet. Von Seite 1 bis Seite 448 war tief drinnen. Langsames Aufsteigen aus dem Caisson ist selbstverständlich. 
Dass Thomas Lang verschwindet wie Melville, ist nicht anzunehmen. Melville verschwindet ist sein 7. Roman und wird wohl nicht der letzte sein. Einmal mit dem Fabulieren begonnen, kann man es nicht mehr lassen. 2005 erhielt er nach mehreren Stichwahlen mit einer Mehrheit von fünf Stimmen für den Text Am Seil den begehrten Literaturpreis. Der Roman Am Seil ist 2006 bei C. H. Beck erschienen.
Thomas Lang: Melville verschwindet, Berlin Verlag, 2006. 448 Seiten. € 25,70.