Tanz nicht nur im geografischen Grenzbereich. © tqw

Tanz nicht nur im geografischen Grenzbereich. © tqw

In der jüngsten Arbeit aus der Serie „Endangered Human Movements“ beschäftigt sich Amanda Piña, Tänzerin und Choreografin, samt ihrem Team von nadaproductions mit der kulturellen Kolonialisierung. Die genaue Choreografie „Danza y Frontera“, in der Piña alte mexikanische Tänze mit neuen Bewegungsformen zusammenführt,  ist am 11. Oktober 2018 im Tanzquartier uraufgeführt worden.

"Danza y Frontera" / "Tanz und Grenze" auf trockener Erde, ohne Hoffnung. © tqwPiñas Choreographie beruht auf einem Tanz, der an der Grenze zwischen Mexiko und den USA entstanden ist und heute im Kontext von extremer Gewalt, Drogenhandel und Militarisierung aufgeführt wird. Elf Tänzer*innen bewegen sich im Rhythmus zu dumpfem, nahezu monotonem Trommelklang aus dem Dunkel zur Bühnenrampe, stehen an der Grenze, verschwinden wieder. Kurz, kurz, lang, lang, lang, kurz, kurz schlagen die Trommeln, drei Schritte vor, einen zurück gehen die Tänzer*innen, manche haben bunte, folkloristisch wirkende, im fahlen Licht schimmernde Kostüme an, Staub wirbelt von der trockenen Erde auf, die Grenze ist wieder erreicht, was sehen die vielen, die da nach vorne streben, wenn sie hoffnungsvoll den Blick in die Ferne richten?

Begonnen wird mit einem poetischen Video mit schönen Sätzen, in Anlehnung an den semi-autobiografischen Text der amerikanischen Feministin Gloria Anzalduas († 2004) „Borderlands / La Frontera: the new Mestiza“, in welchem sie sich „mit den unsichtbaren Grenzen, die zwischen verschiedenen Gruppen im Grenzbereich der USA und Mexiko existieren: US-Bürger – Mexikaner/Chicanos, Männer – Frauen, Heterosexuelle – Homosexuelle“ beschäftigt. Durch Morphing im Film (ein erstes Bild wird schleichend in ein zweites überführt: Ein Mann wird zur Frau, eine bekleidete Person zur nackten), wird das Thema von Anzalduas Werk sichtbar gemacht. Während das Video samt Text auf dem dunklen Gazevorhang erscheint, rumort es dahinter auf der Bühne. Eingeschlossen: Zwei Schritte vor, einer zurück. © tqwWenn es ein wenig heller wird, beginnen die Darsteller ihr unheimliches Spiel. Ein Schamane mit Maske tritt auf, Blut in Form eines roten Bandes rinnt aus den Mündern, (über die Bedeutung des in den atlen Tänzen verwendeten Schmucks oder Accessoires darf man rätseln. Das gespaltene rote Band könnte auch als eine lange Zunge gesehen werden, die den Feind in Schrecken versetzen soll. Aufrauchen, Verschwinden , getrennt und weit entfernt durch den Schleier des Vorhangs, manchmal fällt einer aus der Gruppe wie tot zu Boden, der Maskierte hilft ihm wieder auf die Beine, einige haben eine Maraca (Rassel) in der Hand, doch sie klingt nicht, sieht aus wie eine Handgranate, wird doch nicht geworfen. Auch wenn der Rhythmus bedrohlicher wird, das Stampfen energischer, die Revolution bleibt aus. Am Ende gibt es nahezu Versöhnung. Ein wilder Tanz im hellen Licht zu heftigen Getrommel in bunten Kostümen. Folklore für Touristen?  Der Trommler kommt aus dem Saal, steht vor dem Vorhang. Gehört er auch nicht dazu, so wie die Zuschauer*innen?

Amanda Piña, Choreografin und Tänzerin. © ImPulsTanz Archiv.Zum Abschluss gibt es noch eine auf Spanisch erzählte und übersetzte Erklärung: In der Conquista, der Eroberung und Erschließung des mittel- und südamerikanischen Festlandes durch Spanien wurden die alten Tänze als „danza de conquista“ / Eroberungstanz eingesetzt. Bis heute verändert sich die Choreografie immer weiter und kann, so sagt Amanda Piña, „als eine Form des Widerstands gegen koloniale und spät neoliberale Kräfte gesehen werden“. Sie verändert diese Tänze weiter, mischt sie mit westlichen Tanzbewegungen, erfindet auch gänzlich neue und macht so klar (ohne jemals den Zeigefinger zu erheben), dass Tanz durchaus politisch ist. In der Conquista wurden die alten Tänze enteignet. © tqwVor allem dann, wenn man, wie  auch die ungarische Choreografin und Tänzerin Ester Salamon, den historischen Kontext erhöhte Aufmerksamkeit schenkt. Europa (der Westen) ist nicht der tänzerische Nabel der Welt.

Auch wenn ich anfangs nicht so genau erkennen konnte, worauf Amanda Piña hinauswill, welches Ziel diese düstere Choreografie hat, so war ich doch von den Tänzer*innen beeindruck, die in mir Angst und Mitleid und dann doch endlich auch Verstehen hervorgerufen haben. Der dunkle Vorhang hat sich erst für die Verbeugungstour zum Premierenapplaus gehoben.

Amanda Piña / nadaproductions: „Danza y Frontera“, Endangered Human Movements Vol. 4. Choreografie, Regie: Amanda Piña. Research, Performance : Alma Quintana, Juan Carlos Palma, Alberto Montes, Paula Cheves. Performance : Rodrigo de la Torre, Matteo Marziano Graziano, Daphna Horenczyk, Dafne Moreno, Cristina Sandino, Antonio Raith, Dante Murillo. Musik : Christian Müller, Edgar Uriel Soria. Kostüme: La mata del veinte / Julia Trybula. Casting und Produktionsleitung: Angela Vadori.11. Oktober 2018, Tanzquartier.
Weitere Vorstellungen: 12., 13.10.2018.