Hashimoto, Cherevychko in "Symphonie in C". © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Hashimoto, Cherevychko: "Symphonie in C". © Ashley Taylor

Für eine Weile scheint der dreiteilige Abend mit zwei einprägsamen, immer wieder gerngesehenen Choreografien, und einem neuen Werk abgetanzt. Zehn Mal ist er zu sehen und auch zu genießen gewesen. George Balanchines „Symphonie in C“ zur gleichnamigen Symphonie des 17jährigen Georges Bizet, kann ebenso beglücken wie Edward Liangs großartiges Werk „Murmuration.“ Daniel Proietto, der in Argentinien geborene Tänzer und Choreograf mit der romantischen Seele, lässt das Publikum etwas ratlos und die Tänzerinnen samt Tänzer Eno Peçi mit recht spärlichem Applaus zurück. Doch der Misserfolg des mit soviel Ambitionen für Wien geschaffenen Balletts „Blanc“ liegt nicht an ihnen. Auf keinen Fall an der „Sylphide“ Ketevan Papava, die die Rolle kreiert und jetzt damit auch ihr Karenzjahr beendet hat.

Olga Esina in Balanchines "Symphonie in C", © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Um die Tänzerinnen und Tänzer geht es in dieser Zusammenfassung der fünf Abende in dieser Saison. In der Besprechung der Premiere im November 2016 befasste ich mich ohnehin intensiver mit den Werken. Für Balanchine genügt der Titel, den das Ballett einst in Wien getragen hat: „Le Palais de Crystal“. Kristallin und durchsichtig sind diese vier Sätze mit je einem Solopaar, je zwei Hauptpaaren und dem weiblichen Corps, allerliebst ergänzt durch vielversprechenden Nachwuchs aus der Ballettakademie (bestens trainiert von Chantal Lefèvre). Die vier Sätze sind in ihrem Charakter so unterschiedlich wie die Solistinnen. Die Männer übrigens, in engen schwarzen Dressen, sind meist, ganz klassisch, als mechanische Figuren eingesetzt: Sie knien, stehen, fangen, halten, heben diese zauberhaften zierlichen Wesen mit den langen Beinen und schwingenden Armen, den geneigten Köpfen in den wippenden weißen Tutus. Maria Yakovleva tanzt mit Jakob Feyferlik ihr Rollendebüt im 1. Satz, quirlig, spritzig, gut gelaunt – Allegro vivo, wie es Bizet und Balanchine wollten. Anita Manolova und Dumitur Taran: Balanchine "Symphonie in C". © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor Im schmeichlerischen Adagio hat Liudmila Konovalova ihre Vervollkommnung und in Roman Lazik / Vladimir Shishov Partner gefunden, die sich wunderbar zurückhalten, ganz der Diva dienen. Eine Überraschung bereitet im 3. Satz Kyoka Hashimoto mit ihrem Rollendebüt nach dem Ende der Karenzzeit. Lebendig, strahlend, lebhaft, selbstbewusst. Endlich ist Hashimoto auf der Bühne angekommen, sichtbar für alle. Da macht es nichts dass Denys Cherevychko mehr mit sich selbst und seinen sauberen Sprüngen beschäftigt ist als mit der Partnerin. Auch im Pas de deux bleibt er ein Solist. Im Finale noch ein Rollendebüt, aber keine Karenzbeendigung: Dumitru Taran konnte zeigen, welch eleganter, wendiger Tänzer er ist. Ganz im Einvernehmen mit seiner Partnerin Alice Firenze. Mit Firenze ist ihm das auch bei seinem 2. Rollendebüt in „Murmuration“ gelungen.

"Murmuration": Roman Lazik und Ketevan  Papava, ein besonderes Paar. © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor Die letzten beiden Vorstellungen dieser Serie wurden mit vorsichtig ausgewechselter Besetzung getanzt. Nicht nur Papava und Hashimoto hüteten ein Jahr lang ihr privates Heim, auch Olga Esina muss als Rückkehrerin gefeiert werden. Esina, Hashimoto und Papava haben ihren Platz als Erste Solistinnen wieder eingenommen und erfreuen ihr Publikum wieder mit schwebender Präsenz und zauberhafter Attitude. Mit Vladimir Shishov hat Esina (in den letzten beiden Vorstellungen) im 2. Satz der Sinfonie in C einen wunderbaren Partner gefunden. Entspannt und ganz auf seine Partnerin konzentriert, stützt und hebt er sie. Esina ist eine noble zurückhaltende Tänzerin, sie braucht keine Showeffekte, um zu begeistern. Roman Lazik in "Murmuration", im Gleichklang mit Partnerin Nina Poláková. © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor Fast ist das Ensemble der Ersten Solistinnen wieder vollständig. Einzig Irina Tsymbal fehlt noch. Ihre Fans warten mit Ungeduld.

Nach der Pause dürfen wir mit den Staren fliegen. Inspirieren von deren Sammelflug in rätselhaften Mustern, „Murmuration“ genannt, hat Choreograf Edwaard Liang sein gleichnamiges Ballett kreiert. Ezio Bosso, der nicht nur fürs Ballett, sondern auch für den Film, das Theater und die Konzertsäle komponiert, schuf das "Violonkinzert Nr !, Esoconcerto" mit seinen drei unterschiedlichen Sätzen, das Liang passend für diesen aufregenden Vogelflug schien. Vier Paare und das neunköpfige Vogelvolk fliegen auf, gruppieren sich neu, verflechten sich miteinander, sodass sie wie ein Körper erscheinen. Faszinierend. "Murmuration" mit Franziska Wallner Hollinek / Zsolt Török und Madison Youn / Andrey  TeterinKleine Geschichten von Liebe und Eifersucht, Konkurrenz und Streben nach Individualität (einmal macht sich ein kleiner Vogel – Géraud Wielick in den ersten drei Vorstellungen der Serie – selbständig, kehrt aber bald reuig in die Gruppe zurück. Die Vogelweibchen separieren sich von den Männern, haben im Hintergrund ein Meeting, beobachten die Männchen im Sprung. Liang hat gemeinsam mit Laura Lynch die schlichten Kostüme gestaltet. Die Frauen tragen hellgraue Trikots mit zarten blauen Chiffonschleiern darüber; die Männer weite dunkle Hosen, der unverhüllte Oberkörper gibt ein fantastisches Muskelspiel frei. Dirigent Fayçal Karoui legt den Taktstock weg, flattert und wogt mit den Armen, als wäre er selbst ein Vogel. Volkhard Steude interpretiert mit inniger Intensität den Solopart in Bossos Violinkonzert. Die versammelte Vogelschar vor dem Abflug: "Murmuration von Edwaard Liang. © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor Ein eklektisches Werk, wiederbelebte Minimal Music und romantische Klänge, eine Reminiszenz von Mendelssohns Violinkonzert. Meine Begeisterung für Minimalmusic wird nicht von allen geteilt, die drängenden Wiederholungen, nur in kleinen Teilen in der Struktur verändert, sind vielen langweilig oder gar unangenehm. Wie auch immer, für mich hat Choreograf Liang die passende Musik gefunden und sie wunderbar aufregend in Bewegung umgesetzt. Ein Meisterwerk, das auch das nicht tanzaffine Publikum beeindruckt. Der Applaus wird von freudigem Gejohle unterstützt.

Noch hat der großartige Tänzer Daniel Proietto als Choreograf den Kopf in den Wolken und sich eindeutig mit „Blanc“ zu viel vorgenommen. Auch wenn er trotz seines dichten Stundenplans für die neuerlichen Proben eigens nach Wien gekommen ist, um sein Ballett zu überarbeiten und zu straffen, bleibt es Stü"Blanc" Romantisches von Daniel Proietto mit Ketevan Papava als Sylphide / Muse und Andrey Kaydanovskiy als Poet. © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor ckwerk. Daran ist vor allem das platte Gejammer eines selbstmitleidigen einfallslosen Dichters (Autor: Alan Lucian Øyen) schuld.
Statt eines Schauspielers spricht den Text nun der Tänzer Andrey Kaydanovskiy, ohnehin auch ein Schauspieler, der sich die endlose Suada aus zusammenhanglosen Sätzen eingeprägt hat, um zu wimmern und zu seufzen, zu fragen und nicht zu antworten. Er wartet auf die Muse. Eno Peçi ist "Schatten des Poeten" in Proiettos "Blanc". © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor Noch immer ist das Mikrofon nicht ideal eingestellt, zu leise, zu laut, zu dumpf, zu schrill – Kaydanovskiy phrasiert und dynamisiert perfekt, und bald höre ich nur noch den Dichter flüstern und schreien. Der Text macht sich zu wichtig und es entginge dem Publikum nichts, wenn er verschwinden würde. Im Gegenteil die Rolle Eno Peçis als „Schatten des Poeten“ würde aufgewertet, er wäre der Poet an sich, der er als Tänzer ohnehin ist, und müsste sich nicht abrackern, um sich gegen den durch die Reihen der Sylphiden in der rosa Tüllwolke wandernden „Poeten“ (Kaydanovskiy) zu behaupten. Seinen Sinn erhält „Blanc“ nur durch Ketevan Papava, eine anmutige Sylphide aus dem 19. Jahrhundert und ebenso ihr Gegenstück heute, ohne Tüll nur im Trikot getanzt.

Ketevan Papava im Gegenlicht: Sylphide oder Muse in "Blanc". © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor Welch schöne, ausdrucksstarke Tänzerin sie ist, konnte sie in den letzten beiden Vorstellungen mit Partner Roman Lazik auch in „Murmuration“ zeigen. In den vorangegangenen Aufführungen begeisterte Lazik mit Nina Poláková im Vogelflug. Ioanna Avraam begeistert mich auch jedes Mal von Neuem. Diesmal vor allem mit ihrer Attitüde, dem Port de Bras in „Murmuration“. Ihr Partner war Jakob Feyferlik. Statt dass ich jetzt alle Tänzerinnen und Tänzer aus dem Corps und der Reihe der Halbsolist_innen lobend aufzähle, ein Blick auf die junge Amerikanerin Madison Young. Erst seit Hebst im Ensemble, hat sie sich schnell in die erste Reihe getanzt.Auch Masayu Kimoto brilliert (mit Maria Yakovleva) in "Symphonie in C". © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor In „Murmuration“ zeigte sie mit Andrey Teterin (Rollendebüt für beide) und als „führende Sylphide“ in „Blanc“ (ebenfalls ein Rollendebüt), dass Legris‘ Vertrauen in sie gerechtfertigt ist. Als Partnerin von Marcin Dempc hat Rikako Shibamoto, Corpstänzerin wie Young, schon im Herbst 2016 bei der Premiere ihr feines Bewegungsrepertoire gezeigt. Sie hat auch diesmal alle fünf Vorstellungen getanzt.

Der exquisite Abend mit Balanchines „Symphonie in C“ und Liangs „Murmuration“ kann auf „Blanc“ gut verzichten, was auch der Applaus deutlich zu Gehör gebracht hat. Dirigent Fayçal Karoui und die beiden Solisten: Geiger Volkhard Steude in „Murmuration“ und Maria Radutu am Klavier in „Blanc“ (Chopin und Mikael Karlsson) allerdings bekamen die verdienten Ovationen vor die Füße gelegt.

„Balanchine | Liang | Proietto“ 6. bis 10. Aufführung von „Symphonie in C | Murmuration | Blanc“, Wiener Staatsballett in der Staatsoper. Februar 2018.
Letzte Aufführung in dieser Saison: 23. Februar 2018.