Nina Poláková: Zauberhafte Tatjana © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Nina Poláková: Zauberhafte Tatjana

Nina Poláková und Roman Lazik waren die umjubelten Stars des ersten Abends einer sechs Vorstellungen umfassenden Serie des Ballettklassikers von John Cranko „Onegin“. Nach einer verpatzten Uraufführung 1965 präsentierte Cranko 1967 eine Neufassung und eroberte damit die Ballettwelt. Seit zehn Jahren ziert „Onegin“ auch das Repertoire des Wiener Staatsballetts.

Poláková ist eine Spitzenballerina, die als Tatjana ganz in der Rolle aufgeht und naive Verliebtheit ebenso eindrucksvoll darstellt wie das am Ende verzweifelte Schwanken zwischen Gefühl und Vernunft. Dass im Affektsturm kleine Ausrutscher passieren, mag erst recht klarmachen, dass hier Menschen auf der Bühne sind, und keine Puppen. Von der ersten Begegnung bis zum Abschied ist jeder der eleganten Pas de deux mit Roman Lazik als Onegin ein herzzerreißendes Erlebnis. Ein Traumpaar, das mit der Rolle verschmolzen scheint. Geträumte Liebe: Tatjana (Poáková), Onegin (Lazik) © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Lazik, Danseur noble par excellence, ist ein blasierter Kerl, der gar nicht realisiert, wie sehr er seinen Freund, den Dichter Lenski, mit seinem exaltierten Getändel mit dessen Braut Olga kränkt. Ein Mann, der keiner Empathie hat, seine Umgebung verachtet und mit dem (für ihn) unscheinbaren Entlein nichts zu tun haben will. Tut mir leid, doch die Zurückweisung, die ihm Tatjana, nach dem inneren Kampf – sie liebt den Geck ja immer noch –, Jahre später angedeihen lässt, gönne ich ihm. Sie ist eingebunden in ihre Familie, hat einen liebenden Mann, den alternden Fürsten Gremin (Kirill Kourlaev) und kann, auch wenn es ihr schwer fällt, zugunsten der Geborgenheit auf den in seinem Solipsismus faszinierenden Mann verzichten.
Wenn Tatjana ihn mit ausgestrecktem Arm und gequälter Miene die Tür weist, Onegin gebrochen davon schleicht, zeigen Poláková und Lazik eine breite Gefühlspalette, die klar macht, warum Crankos Choreografie auch nach 50 Jahren aktuell und aufwühlend ist.

Crankos Choreografie lebt nicht nur vom Tanz echter Gefühle sondern auch vom Wechsel mit den Ballszenen in jedem Akt. Nicht nur in der Musik auch in den Kostümen (Elisabeth Dalton) werden hier die unterschiedlichen Milieus (auf dem Lande, im bürgerlichen Salon, beim Fürsten) genau charakterisiert. Am besten kommt das Corps mit den Bauerntänzen im ersten Akt zurecht, beim Tatjanas Geburtstagswalzer im 2. Akt wird ziemlich gestrampelt, die getragen dirigierte "Grande Polonaise" zu beginn des dritten Aktes macht wieder Freude. Für die meisten jungen Tänzerinnen und Tänzer ist diese 35. Aufführung eine Premiere. Nachsicht ist angebracht.

Kiyoka Hashimota, die neue Olga mit Denys Cherevychko, Lenski. © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor Die neue Olga – eine Überraschung.  Sind Poláková und Lazik als handlungstragendes Paar nicht neu auf der Bühne, so feierte Kiyoka Hashimoto ihr Debüt in der Rolle der mit Lenski verlobten Schwester Tatjanas, Olga. Eine Überraschung. Springlebendig, charmant und präsent ist Hashimoto eine ebenbürtige Partnerin von Denys Cherevychko, der den von Onegin düpierten und schließlich getöteten Lenski tanzt. Weit entfernt vom klassischen Ballerino, kann Cherevychko vor allem in der Charakterdarstellung mit kräftigen Sprüngen und wirbelnden Drehungen begeistern. Die lyrische Variation im Morgennebel vor dem von ihm geforderten Duell mit Onegin im 2. Akt, bleibt unbefriedigend. Die Todtraurigkeit zum „Herbstlied“ in d-moll (aus Peter Tschaikowskis Klavierzyklus „die Jahreszeiten“, instrumentiert von Kurt-Heinz Stolze) nehme ich ihm nicht ab, auch fehlt es etwas an Geschmeidigkeit und Haltung im Port de bras. Dann aber darf der Erste Solotänzer wieder springen und ist in seinem Element. Noch einmal das Traummpaar, Poláková / Lazik sind zu schön anzusehen. © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen dieses Abends hat auch Dirigent James Tuggle mit dem Orchester der Wiener Staatsoper geleistet. Zart in den lyrischen Passagen, akzentuiert bei den Tänzen für das Corps de ballet, bringt Tuggle Kurt-Heinz Stolzes Potpourri aus Tschaikowski-Kompositionen so recht zur Geltung und unterstreicht damit die freudigen und qualvollen Emotionen der vier Hauptfiguren.

Begeisterung und lautstarker  Jubel belohnte die Vorstellung und rief das „Traumpaar“ immer wieder vor den Vorhang.

John Cranko „Onegin“, Wiederaufnahme, 35. Aufführung, 6. Februar 2016, Wiener Staatsballett in der Staatsoper.
Weitere Aufführungen in wechselnder Besetzung: 8., 11., 27.2., 2., 5.3. 2016.