Es ist nass, kalt und finster in der "Dunkelwelt".

Es ist nass, kalt und finster in der "Dunkelwelt".

Die Nebel wallen, niemand sieht die anderen, Blitze zucken, Donner grollen: In der Dunkelwelt dürfen auch die dunklen Gefühle an die Oberfläche kommen. Doch wenn man im Morgengrauen den Ausgang gefunden hat, ist alles wieder hell und in Ordnung. Die guten, liebevollen Gefühle haben gesiegt. In der Dramaturgie von Corinne Eckenstein hat Regisseur und Choreograf Joachim Schloemer ein Tanzstück mit Licht und Schatten geschaffen, das mit Video, Sound und Wortakrobatik im Dschungel Wien eine mitunter beklemmende und auch tröstliche Vorstellung ergibt. „In der Dunkelwelt“ ist ein dynamisches Tanzstück mit Maartje Pasman, Yusimi Moya Rodriguez und Sami Similä.

Die Tänzerin Yusimi Moya Rodriguez allein im dunklen Wald. Die Tänzerinnen und der Tänzer zeigen perfekte Körperbeherrschung, bewegen sich geschmeidig im schönen Pas de trois, rasen durch den Wald, in den das Video auch das Publikum hineingezogen hat. Da weiß man endlich, dass „immersiv“ auch ein Bühnenstück sein kann. Ursprünglich bedeutet das neuartige Vokabel: „Eintauchen in eine virtuelle, also computergenerierte Welt, etwa in Computerspielen." Doch in der Dunkelwelt bewege ich mich auch, sehe Ratten über den Boden flitzen, höre das Käuzchen rufen. Die Ausdruckskraft der ängstlichen, wütenden, traurigen, angeekelten Tanzenden, die Bilder und Klänge reißen mich mitten hinein. Und ich erfahre, auch dunkel Gefühle darf man haben, sie geben uns und anderen etwas zu verstehen. Indem wir sie ausleben, erfahren wir etwas und können Wut und Aggression loswerden. Doch auch im Dunkelwald ist niemand ausgeliefert, das Trio weiß sich zu schützen rollt sich in den Schlafsack ein, rückt eng zusammen. Sami Similä, ein Akrobat unter Akrobatinnen.
Kleinere Kinder würden sich fürchten, wenn die Bühne wirklich dunkel ist, die beiden Tänzerinnen und der Tänzer wie Gespenster umherhuschen, gesichtslos; Angst und Ekel, irres Lachen und hitzige Wut in ihren Gesichter zeigen, wie Hunde knurren und hecheln und als wilde Horde über die Bühne, die im Dschungel fast zu klein wird, jagen, sich schließlich nur mit Mühe von den sie umspinnenden Fäden der dunklen Gefühle befreien können. Vielleicht aber, existiert der Dunkelwald gar nicht in der Welt draußen, und das Abenteuer spielt sich nur in der Innenwelt der Körper ab, ist ein verwirrender Traum,  nicht real sondern virtuell. Schloemer und Eckenstein haben dieses einprägsame Werk für Jugendliche ab 12 konzipiert, wobei auch Erwachsenen die Intensität der Aufführung und den energiegeladenen Einsatz von Maartje Pasman, Yusimi Moya Rodriguez und Sami Similä empfohlen sei.
Gespenster irren durch den Nebel. Sind's böse Geister, sind's gute Geister? Wer weiß! Ursprünglich war die Premiere, des mit Tanzkomplizen (Berlin), Theater Casino Zug und Dschungel Wien geplanten Stückes, für das Frühjahr geplant. Eingeladen vom Schweizer Tanznetzwerk reso fand die Uraufführung in Zug statt, darauf ging die Gruppe auf Tournee in der Schweiz und ist auch in Berlin aufgetreten. Von den ersten Proben im Frühjahr über eine Voraufführung zu Beginn der Saison in Wien und der Premiere am 17. Oktober im Dschungel Theaterhaus hat sich das Tanzstück immer mehr verändert, ist konzentrierter, intensiver und aussagekräftiger geworden. Immersiv eben, wenn dieser zum Modewort gewordene Begriff – Festivals allerorten nennen sich neuerdings gerne „immersiv“ – noch Aussagekraft hat. Maartje Pasman zeigt nicht nur eine meisterhafte Introduktion, sondern auch im Trio frappierende Bühnenpräsenz.
Noch einmal muss ich ein oft missbrauchtes Epitheton verwenden, das im Grunde allein Richard Wagners Opernwerk zusteht: Gesamtkunstwerk. Genau dieses ist Schloemer, Eckenstein und ihrem Team gelungen. Ein Gesamtkunstwerk aus Bild und Bewegung, Licht und Klang, das das Publikum mitnimmt in die Welt der Gefühle, auch der, die wir nicht so gerne sehen und spüren wollen.
Ein Wort zur Sicherheit im Dschungel Theaterhaus: Allein durch die verschiedenen Einreiseverordnungen bei der anstrengenden Tournee und den Maßnahmen im Dschungel Theaterhaus ist der Besuch der Veranstaltungen so sicher wie es möglich ist. Bei den Vormittagsvorstellungen für Schulen obliegt es den Begleitpersonen, auf die Disziplin ihrer Schützlinge zu achten. Niemand sollte sich hindern lassen, diese preiswürdige Produktion zu besuchen.

„In der Dunkelwelt“, Dschungel Wien, Tanzkomplizen & Theater Casino Zug. Dunkle Gestalten begegnen uns in der Dunkelwelt.
Choreografie, Licht: Joachim Schloemer. Dramaturgie: Corinne Eckenstein.
Bühne, Kostüme: Anne-Sophie Raemy; Video: Markus Wintersberger; Regieassistenz: Naima Rabinowich; Musik: Jóhann Jóhannsson, Valentin Danler.
Tänzerinnen: Maartje Pasman, Yusimi Moya Rodriguez; Tänzer: Sami Similä.
Gesehen zuletzt bei der Generalprobe für die Wien-Premiere am 16. Oktober 2020. Premiere: 17.10. 2020. Dschungel Wien.
Weitere Vorstellungen im Herbst: 19., 20.10.2020.
Fotos: © Rainer Berson