Jolyane Langlois in "Diorama:stories" vn Daphna Horenczyk.

Jolyane Langlois in "Diorama:stories" vn Daphna Horenczyk.

Mit vier Produktionen junger Künstler*innen beendet Huggy Bears das Mentoring-Programm 2020. Die vier neuen Künstler*innen-Gruppen sind für das Arbeitsjahr 2020/21 bereits ausgewählt. Traditionell dient das WuK als Plattform: Daphna Horenczyk, Mirabella Paidamwoyo Dziruni & Hyeji Nam; Fabian Faltin,The Rhizomatic Circus Collective sind die Teilnehmer*innen, zeigen im Saal oder im Projektraum das Ergebnis ihrer Arbeit.

Ob Kinder oder Tote, Mörder oder Zombies: Wir sehen Bilder und spüren dabei nichts. "Diorama:stories" von Daphna Horenczyk. An erster Stelle steht für mich die Bühnen- und Filmchoreografin Daphna Horenczyk. Sie lebt seit 2012 in Wien. Mit „Diorama:stories“ zeigt sie, wie unsere realen Erfahrungen der Welt durch die sich stetig ändernde Geschichten und Bilder, die erzählt und gezeigt werden, manipuliert werden. Wir leben durch social media in einer „Blaupausenwelt“, wie der Kritiker der Massenmedien Jerry Mander deren Einflüsse schon 1978, damals noch allein auf das Fernsehen bezogen, genannt hat. Mander, der durch seine Erfahrungen als PR- und Kommunikations-Manager weiß, „wie man mit Hilfe der Medien direkt in die Köpfe der Menschen eindringen kann“, erzählt auch eine Anekdote, die heute für Facebook oder Instagram genauso aktuell ist, wie vor mehr als 40 Jahren:
Ein Bub beobachtet aus dem Fenster einen schweren Unfall mit mehreren Verletzten, die Rettung rast herbei, die Polizeisirenen erklingen: „Mamma, Mamma, schau, wie im Fernsehen.“ Er hat die Realität, den Bezug zur Welt und damit auch jegliches Gefühl für das, was rund um ihn geschieht, bereits verloren. "Zen Sitive", eine  Einladung zur Meditation von Mirabella Paidamwoyo Dziruni und  Hyeji Nam.

Daphna Horenczyk zeigt live auf der Bühne mit aus dem Kontext gerissenen Ausschnitten aus Ereignissen, Figuren und Alltagshandlungen, wie Dokumentation, Manipulation und Online-Reproduktion alternative Realitäten schaffen. „In unserem ständigen Informationsverbrauch (unserem Feed) erscheinen Bilder und Ideen in zufälliger eklektischer Gegenüberstellung – jedes Bild beeinflusst unsere Wahrnehmung des nächsten, wenn wir weiter scrollen“, sagt sie. Die Folge: „Unsere Emotionen werden erschüttert und unsere Fähigkeit zur Empathie wird reduziert.“ Das ständige Suchen nach E-Mails oder SMS, nach Neuem auf Instagram und Twitter wird zur Sucht, zur Droge. In „Diorama“ zerlegt Horenczyk den Entstehungsprozess der Geschichtenflut und zeigt mit der exzellenten Tänzerin Jolyane Langlois samt ihren Zuträgern, Costas Kekis und Evandro Pedroni, auf der Bühne ein sich ständig änderndes Diorama voll komischer und blutiger Szenen. Zugleich hätte man auch die Entstehung der „Geschichten“ online verfolgen können, da Langlois, ob Bettlerin, Leiche oder Pinupgirl, von Pedroni und Kekis mit der Kamera „dokumentiert“. Motto: Was nicht dokumentiert ist, existiert nicht. Doch Bilder, ob bewegt oder still, die Wirkung ist unübersehbar und oft auch untilgbar.
In "Zen Stive" darf auch das Publikum entspannt träumen. Das Mitansehen der Online-Dokumentation (in blanker Ironie auf Instagram gezeigt) ist im dunklen Saal jedoch schwierig. Mit dem Blick auf den kleinen Bildschirm des Telefoninos verlässt man das Bühnengeschehen und irritiert das Publikum. Zuschauer*innen, die versucht haben, die Möglichkeit zu nutzen, haben bei der Premiere schnell wieder aufgegeben. Zu spannend war das Geschehen auf der Bühne. Mit diesem Paradoxon operiert Horenczyk, sie kritisiert und manipuliert zugleich. Gebannt warte ich auf den nächsten Take. Darf ich lachen, muss ich weinen? Weder noch, ich bin nur neugierig auf das nächste Bild dieser großartigen, unter bewundernswertem Einsatz von Langlois – ein Pelz macht sie vom Menschen zum Tier, zugeklebte Augen und eine Maske aus dem Showstar einen blind durch den Raum tappenden Zombie –. Fragmente unterschiedlicher Events, gedankenreich und – es nutzt alles nichts –, auch unterhaltsam. In "Would be Wood" erzählt Fabian Faltin vom Wald und vom Kapital, von Österreich und Russland.
Als direkter Kontrast entwickelt sich die am zweiten Abend uraufgeführte Arbeit der beiden Künstlerinnen, Mirabella Paidamwoyo Dziruni, die rebellische queere Künstlerin mit Wurzeln in Zimbabwe, und Hyeji Nam, geboren in Seoul / Südkorea: Eine Meditation, pures Gefühl mit Klängen, wenigen geflüsterten Wörtern und Atem, beruhigende Stille, sanfte Emotionalität, faszinierende Gelassenheit der Performerinnen, die in Zeitlupe über die Bühne schweben: „Zen Sitive“ nennen sie ihre Performance ihre schöne Arbeit mit zusätzlichen acht Darstellerinnen Wie eine bewegliche Skulptur wirkt diese Performance im Projektraum des WuK. Turnen auf dem Kühlschrank im Rhizomatic Circus. Perfekt nutzen die Darstellerinnen die Pfeiler und die breite Treppe im Raum, indem sie auf der einen lagern und hinter den anderen verschwinden. Meine Ungeduld verflüchtigt sich, ich gebe mich den angedeuteten Ritualen, den Körpern in vollkommener Balance und den Träumen hin. Perfekt, anders perfekt.
Zu sehen und zu hören waren im Abschlussprogramm von Huggy Bears 2020 auch The Rhizomatic Circus Collective („Disruption Studies“), an einem Abend vor „Zen Sitive“ im Projektraum) und Fabian Faltin ("Would be Wood"), an einem Abend mit „Diorama: stories“ im Saal. Dazu habe ich nichts zu sagen, auch wenn ich dabei war.

Huggy Bears 2020: Fabian Faltin, Daphna Horenczyk, Mirabella Paidamwoyo Dziruni & Hyeji Nam, Fabian Faltin, The Rhizomatic Circus Collective. Präsentation der Arbeiten: 23., 24. / 25. 26. September, WuK.
Fotos: © Joe Albrecht.