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Kenneth MacMillan: Manon, zwischen Liebe und Gold

1993 tanzte sich die junge Manon in der Wiener Staatsoper zum ersten Mal in den Tod und auch in die Herzen des Publikums und den Tod. Kenneth MacMillans herzergreifende Choreografie zählt seit der Uraufführung 1974 mit dem Royal Ballet in London zu den Spitzenwerken abendfüllender Handlungsballette. Bis 2013 wurde das Ballett 69 Mal in Wien gezeigt und auch nach der langen Pause reißt die Wiederaufnahme von Manon das Publikum wieder zu Beifallsstürmen hin. Die erste von sieben Vorstellung war geprägt vom Debüts aller auftretenden Mitglieder des Staatsballetts.

Der 16. Mai war für das gesamte Ensemble eine Premiere. Da wird nicht laut gemeckert, man weiß schon, das Corps muss sich erst eintanzen. Der Beginn schleppt sich etwas dahin. Alessandro Cavallo und Rosa Peirre, als Bruder der Titelfigur Lauscaut und seine Geliebte, bringen etwas Schwung in das etwas dröge Treiben auf dem Hof. Doch danach! Eine Erscheinung. Alessandro Frola als Des Grieux Manon verliebt sich stante pede in den Studenten und mimt ihr das Publikum mit stockendem Atem  in den Ersten Solotänzer. Sprungkräftig, biegsam und elegant zeigt der 25jährige Erste Solotänzer aus Italien mit frappierender Bühnenpräsenz wie man Liebe tanzt. Entsprechend atemberaubend glänzt auch die brillante Erste Solistin Madison Young in der Titelrolle. Betreut von Direktorin Alessandra Ferri, ist an diesem ersten Abend der Wiederaufnahme ein Traumpaar zu sehen.
Heimische Ballettfans kennen den Inhalt, er muss nicht erzählt werden. Wenig Ahnung haben meist die angereisten Gäste, die jedoch feiern als Zuschauerinnen in der Staatsoper  meist Premiere und Derniere an einem Abend und ziehen schon am nächsten Morgen weiter nach München oder Zürich. Allerdings ist McMillans Choreografie zur Musik von Jules Massenet, orchestriert und arrangiert vom britischen Dirigenten Martin Yates (* 1958), erklärt sich von selbst. Tänzerinnen und Tänzer sprechen mit dem Körper, erzählen vom Wirbel der Hormone und der Sehnsucht nach einem Leben im Luxus, von weiblicher Verführbarkeit, von Machtgehabe und Gewalt.
Es sind keine Märchenfiguren, schlafend hinter Dornenhecken, flügelschlagend am See, sondern lebendige Menschen, Frauen und Männer, unter denen jede und jeder die passende Identifikationsfigur findet.
MacMillan siedelt die Geschichte,  gut 50 Jahre später als der Erzähler  des ursprünglichen Textes, Abbé Prevost (1697–1763), der seine aus dem Leben erzähle Geschichte an den Anfang des 18. Jahrhunderts stellt,  in der Zeit unmittelbar vor der Französischen Revolution an, als die Diskrepanz zwischen dem armen Volk und den reichen Prassern am Hof und in der Kirche immer gravierender wurden. Obwohl es im Ballett nicht so Usus ist wie in Opernaufführungen, nämlich die Zeit der originalen Handlung zu missachten, und ein eigenes Stück zu basteln, gibt es diese Versuche auch im Tanztheater. So hat Akram Khan eine gut funktionierende aktuelle Version des romantischen Balletts Giselle, uraufgeführt 1841,  auf die Bühne gebracht und erst kürzlich hat das finnische Nationalballett Giselle im 20. Jahrhundert leben lassen. Der künstlerische Leiter des Balletts, Javier Torres, hat die Handling in ein italienisches Dorf der 1950er Jahre versetzt. Die Erzählung folgt zwar dem Handlungsstrang, aber von Romantik gibt es keine Spur mehr, vor allem im 1. Akt geht es hart zu, Giselle verliebt sich in einen charmanten Mafioso. Nicht nur die Sonne knallt auf die Dorfjugend herab.  Den zweiten Akt lässt Torres nahezu unberührt, Das betrogene Mädchen landet im Fanatasyland und bezaubert das Publikum durch die Magie des Unheimlichen. (Gesehen auf Arte.tv⁄)
Noch leichter, weil nur die Magie echter oder gespielter Emotionenmitspielt, ist Manon ins Heute zu übertragen. Doch davon demnächst, wenn ich eine Vorstellung mit anderer Besetzung gesehen haben.
Zurück zur aktuellen Aufführung, die im Publikum helle Begeisterung hervorgerufen hat. Das gesamte Ensemble wurde mit Hochrufen bedacht. Doch die innigsten Ovation galten dem Hauptpaar, Madison Young und Alessandro Frola. Immer von Neuem wurden sie vor den Vorhang gerufen, bis das Servicepersonal wie üblich der Begeisterung ein rüdes Ende setzte.

Manon, Ballett in drei Akten. Wiederaufnahme (70. Vorstellung in der Staatsoper), 16. Mai 2026. Weitere Vorstellungen.
Choreografie und Inszenierung: Kenneth MacMillan; Musik: Jules Massenet, orchestriert und arrangiert von Martin Yate; musikalische Leitung: Ermanno Florio.
Bühne und Kostüme: Peter Farmer; Einstudierung: Gregory Mislin, Laura Morena; Coaching: Alessandra Ferri;
Ballettmeisterinnen: Pino Alosa, Lukas Gaudernak, Marcelo Gomes, Barbora Kohoutková, Louisa Rachedi.
In den Hauptrollen: Madison Young, Alessandro Frola, Alessandro Cavallo, Rosa Piero;  Géraud Wielick, Eno Peçi und Marcelo Gomes als Monsieur G.M.
Orchester der Wiener Staatsoper: Wiener Staatsballett.
Fotos: Wiener Staatsballett / Ashley Taylor