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Ballettpremiere: Amerikanischer Fleckenteppich

Davide Dato, Rinaldo Venuti im Pas de deux von Lar lubovich.

Einen weiten zeitlichen und inhaltlichen Bogen spannt der vierteilige Ballettabend American Signatures in der Volksoper. Himmelhoch jauchzend mit Jerome Robbins’ Tanzstück Winterplan von 1945; zu Tode betrübt mit Let me mingle tears with thee von Jessica Lange, zur Musik von Giovanni Pergolesis uraufgeführt 2023 taucht das Wiener Staatsballett das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle. Zwei Pas de deux im Mittelteil dienen der Neutralisierung. 

Natalya Butchko mit Arne Vandervelde in Jerome Robbins’ leichtfüßigem „Interplay“.Der geniale Choreograf Jerome Robbins (1918–1998) hat mit Interplay, zur Musik von des amerikanischen Musical- und Filmkomponisten Morton Gould (1913–1996) den heiteren, verspielten Grundton für viele seiner späteren Choreografien gelegt, die auch das Repertoire des Wiener Staatsballetts zieren. Goulds Komposition für Klavier und Orchester, American Concertette,, macht mit jazzigen Klängen, Blues und Swing samt einem rasanten Finale beste Laune. Dazu vergnügen sich vier Tänzerinnen und vier Tänzer einzeln, zu zweit und vor allem in der Gruppe. Die jungen Männer die ihre gestählten Körper vor den  Mädchen mit ihren wippenden Rossschweifen in Szene setzen,  katapultieren mich zurück in die 1950er Jahre. Wie können wir da nicht entspannt schmunzeln, wenn wir an die Jugend erinnert werden! Margarita Fernandes  hat Freude an Jerome Robbins’ Choreografie.
Das Publikum in der Staatsoper hat Ballettdirektorin Elena Tschernischova mit Jerome Robbins bekannt gemacht. Unter ihrer Direktion war Robbins’ Pas de Deux, Other Dances, der Höhepunkt einer Ballettgala im Dezember 1991. Zur Musik von Frédéric Chopin tanzten Gäste aus dem American Ballet Theatre: Alessandra Ferri und Robert La Fosse.
Nach den fröhlich tanzenden, spielenden und flirtenden Teenagern steht ein Paar auf der Bühne, weißgekleidet, doch unterschieden durch  einen bunten Sattel auf den Schultern. Er trägt Schwarz, sie Weiß. Mir scheint es sind Spielkarten, oder einfach Tänzerin und Tänzer, die auf ihren Auftritt warten. Sinthia Liz und Duccio Tariello beginnen ihr dispatch duet von Pam Tanowitz zu tanzen, ein Duett der besonderen Art, ein Pas de deux der anderen Art. „Dispatch duet" von Pam Tanowitz, getanzt von Sinthi LIz und Duccio Tariello .Den Titel hat der mehrfach preisgekrönte amerikanische Komponist Ted Hearne geliefert, Tanowitz legt dem Volksopernorchester Auszüge aus Dispatch, einem Stück für Orchester, das Hearne 2015 komponiert hat, auf Pult. Die amerikanische Tänzerin und Choreografin (*1969) ist dafür gerühmt, dass sie das klassische Bewegungsvokabular neu interpretiert, auseinander nimmt und neu zusammensetzt. Ähnliches wird auch über den Musiker Hearne gesagt, er macht klassische Musik, die doch nicht klassisch ist, weil er de-und rekonstruiert. Mit geometrischer Akribie passt Tanowitz das tanzende Du in die räumlich-musikalische Architektur. Nie Gesehenes wird sichtbar, Hebungen, Drehungen, Sprünge, die wie verkehrt, vom Ende zum Anfang, ausgeführt werden. Ich sehe eher zwei faszinierende Cyborgs, die wie geschmiert funktionieren, klare Strukturen zeigen, aber keine Gefühle. Die interessanteste choreografie des amerikanischen Abends: „dispatch duet“ von Pam Tanoeitz mit einem hohenSprung für Sinthia Liz.
Als Übersetzung für „dispatch“ gefällt mir „zerlegen“ am besten, doch immer wieder fügt sich das Paar auch wieder zusammen.  Das fließende Annähern und Abstoßen erinnert mich an den Ehrgeiz von Annie Oakly, die statt von Liebe zu flüstern behauptet, Anything You Can Do, I Can Do Better. In Dispatch Duet wird der Wettbewerb nicht singend, sondern tanzend ausgetragen. Am Ende des Abends weiß ich, dass Dispatch Duet der interessanteste und beste, nicht typisch amerikanische, des Vierteilers ist. Wahrhaft ein Erlebnis, das neugierig auf mehr von Pam Tanowitz macht.
„Dispatch duet““: Duccio Tarielle hebt Sinthia Liz.Keine Überraschung, dass der Pas de deux für zwei Männer, Each In their own Time, zu Klavierstücken von Johannes Brahms von Lar Lubovitch meine Aufmerksamkeit kaum forderte. Zwei Männer (Publikumsliebling Davide Dato und Rinaldo Venuti, der, ausgebildet an der Ballettakademie der Wiener Staatsoper, zuletzt im Ensemble der Mailänder Scala getanzt hat und in dieser Saison als Halbsolist nach Wien zurückgekommen ist) in weißen Anzügen die von der Pianistin Shino Takizawa auf der Bühne begleitet werden. Sie sind kein Liebespaar, eher Freunde, die miteinander kommunizieren, sich entfernen und wieder Nähe suchen. Davide Dato und Rinaldo Venuti in „Each in their Owne Time“ von Lar Lbovich.Brahms ist kein Komponist, der mich aufhorchen lässt, und für Klavierstücke ziehe ich Chopin vor. Lar Lubovich  (*1943) hat das Duett 2021 für zwei Erste Solisten des New York City Ballet geschaffen, „die eine Choreografie für ihr eigenes kleines Ensemble gesucht haben. Ich wollte nicht nur einen Dialog mit Brahms schaffen, sondern auch einen zwischen zwei Freunden.“ (Lubovich im Interview mit Dramaturgin Nastasja Fischer)

Gut, dass es nun eine Pause gibt, das dicke Ende kommt nach 20 Minuten.

Elena Bottaro, im Hintergrund Zsolt Török in der sakralen Choreogrfie von Jessica Lang.Die Tränendrüsen sind gefordert, wenn das Staatsopernballett das Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi ((1710–1736) tanzt. Das 17 36, wenige Wochen vor des Komponisten frühem Tod, entstandene sakrale Werk ist eine Vertonung des gleichnamigen mittelalterlichen Gedichtes für Alt, Sopran, Streicher und Basso continuo. So stehen auch die beiden exzellenten (Anita Götz, Sopran; Jasmine White, Alt) im Zentrum der Aufführung. Zsolt Török: Ein Gebet tanzten.Unter dem Signum des Kreuzes, im ersten Teil auch in den Positionen und Hebungen der Tanzenden deutlich zu sehen, entrollen sich die 15 Strophen des gebetsartigen Gedichtes aus dem 13. Jahrhundert über Marias, die den Tod ihres Sohnes beweint. Dem Text entsprechend ist die Choreografie in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird von der Trauer der Mutter über den Tod ihres Sohnes erzählt, im zweiten Teil trauern die Betenden mit Maria und hoffen auf ein ewiges Leben in Seligkeit. Anfangs ist die Optik von Let me mingle Tears with Thee / Lass mich mit dir – uraufgeführt vom Pacific Northwest Ballet, Seattle Opera – von der christlichen Ikonografie geprägt. Olga Esina: „Dass men Herz, von Lieb entzündet, Gnade im Gericht findet, sei du mene Schützerin" (Asu demvon Pergolesi vertonten Text).Ein großes Tuch dient als Trauerschleier oder als Leichentuch, das Maria trauernd in den Armen wiegt. Der schwarze Hintergrund zeigt ein kleines Lichtfenster, das sich in der zweiten Hälfte zu einem waagrecht liegenden großen Kreuz erweitert. Gesang, Musik und tanz verschmelzen zu einer Einheit, dafür dass das Publikum nicht in Tränen ertrinkt, sorgt Pergolesis Musik, die im zweiten Teil jubelnd vom Himmel erzählt.
Jessica Lang hat seit 1997 hat mehr als 100 Choreografien geschaffen, die von großen Compagnien in der ganzen Welt aufgeführt worden sind. Sie hat die Julliard School absolviert eine als Tänzerin in Twyla Tharps Company THARP! mitgewirkt.

American Signatures, ein vierteiliger Abend mit dem Wiener Staatsballett in der Volksoper. Premiere: 9. Mai 2026. Fünf Folgevorstellungen.
Interplay. Choreografie: Jerome Robbins, Musik: Morton Gould „Interplay“ von Jerome Robbins (Probenfoto).
 Tanz: Natalya Butchko, Margarita Fernandes, Yelyzaveta Lazovska, Anita Manolova, Gabriele Aime, Václav Lamparter, Junnosuke Nakamura, Arne Vandervelde.
Dispatch Duet. Choreografie: Pam Tanowitz, Musik: Ted Hearne, tanz: Sinthia Liz, Duccio Tariello.
Each in their own Time. Choreografie: Lar Lubovich, Musik: Johannes Brahms, Klavier: Shino Takizawa, Tanz: Davide Dato, Rinaldo Venuti.
Let me Mingel Tears with thee. Choreografie: Jessica Lang, Musik: Giavonani Battista Pergolesi, Tanz: Ioanna Avraam, Elena Bottaro, Olga Esina, Ketevan Papava, Rosa Piero; Giorgio Vourés, Masayu Kimoto, Godwin Merano, Zsolt Török, Géraud Wielick. Sopran: Anita Götz, Alt: Jasmin White.
Orchester der Volksoper Wien, Dirigent: Robert Reimer.
Foto: © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor