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Mokhtar Amoudi: Ein ziemlich anderes Leben, Roman
In seinem Debütroman erzählt der 40-jährige französische Autor Mokhtar Amoudi von Skander, der in Pflegefamilien aufwächst und von einem erfolgreichen besseren Leben träumt, doch das soziale Umfeld und das System ziehen den Buben in eine andere Richtung. Skander berichtet selbst von Einem ziemlich anderen Leben ohne Anklage, doch mit feinem Humor, aufrichtig und naiv aus der Perspektive eines Heranwachsenden.
Was Skander erzählt, fällt unter die Bezeichnung Entwicklungsroman, auf gut Amerikanische Coming-of-age Novel, wobei der Begriff Bildungsroman in beiden Sprachen verwendet wird. Was da erzählt wird, erklärt sich durch die Gattungsbegriffe von selbst, egal was sich die Literaturwissenschaftler*innen ausdenken.Ob der Bildungsroman auch ein Erziehungsroman ist oder eine Untergattung des Entwicklungsromans ist im Grunde egal. Von Wilhelm Meisters Lehrjahre (J. W. Goethe, 1796) über Der Grüne Heinrich (Gottfried Keller, 1855; 2. Fassung 1880) und Der Fänger im Roggen (J. D. Salinger, 1951) bis zu Herkunft (Saša Stanišić, 2019) finden Erzählungen über die Schwierigkeiten, erwachsen zu werden, seit gut 230 Jahren interessiere und begeisterte Leserinnen.
Aktuell ist das Genre endlich auch weiblich geworden. Auch Mädchen werden nämlich erwachsen, entwickeln sich, bilden sich weiter, sind am Ende erfolgreich oder scheitern. Die amerikanische Zoologin Delia Owens hat ihre Figur in eine Kriminalgeschichte gepackt, was dem Roman Where the Crawdads Sing / Der Gesang der Flusskrebse, 2018, nicht nur in vielen Sprachen Millionen-Auflagen verschafft hat, sondern auch eine Verfilmung. Nahezu ebenso erfolgreich ist Elena Ferrante mit ihrem Romanzyklus L’amica geniale / Neapolitanischen Saga, der Geschichte zweier Freundinnen.
Mokhtar Amoudi kann nicht mit einer weiblichen Emanzipationsgeschichte dienen. Er ist ein Mann und erzählt daher seine, ganz sicher autobiografisch unterfütterte Geschichte vom Heranwachsen eines Buben unter schwierigen Bedingungen.
Skander, der bei einer Pflegefamilie aufwächst, ist ein ruhiger Junge, gut in der schule und umhegt von einer liebevollen Ersatzmutter. Der Vater ist verschwunden, die Mutter lebt von Prostitution, kümmert sich wenig um den Sohn. Dann stirbt die Pflegemutter und Skander gerät in eine Abwärtsspirale.Das streng geregelte System der Jugendfürsorge kümmert sich um ihn und verlegt ihn in die Pariser Vororte zu Madame Khadija, die ihren Lebensunterhalt aus der Aufnahme von Pflegekindern bestreitet und ein strenges Regiment führt. 
Skander findet kaum Freunde, doch das stört ihn anfangs wenig, sein Freund ist die allen Franzosen bekannte Enzyklopädie Larousse.Dort findet er „die ganze Welt erklärt“. Als er endlich einen Kameraden findet, der sich um ihn kümmert, saust er immer schneller auf der Rutschbahn ins Gefängnis.Er braucht Geld, um nach der Matura (in Frankreich das Baccalauréat, le bac genannt), das er mit Drogenhandel verdient und natürlich konsumiert er auch selbst Substanzen, deren Wirkung er nicht wirklich kennt.
Skander muss die Abschlussprüfung bestehen, doch er sieht keine Zukunft vor sich. Mit einer Platzwunde kommt er ins Spital, weil er einen graben gesprungen ist, nur einen Meter tief, vielleicht hat er sich hinuntergestürzt. Er soll dem Arzt einen Grund für den Sprung geben, er spricht von Albträumen.Er sagt nicht, was von sich denkt, was seine „erste außerschulische Erfahrung“ war: Ich war schlecht und nutzte niemandem, schließlich lässt man sein Kind nicht in Friedenszeiten nicht im Stich. Ich musste bei der Geburt verflucht worden sein.“ 
Dieser Gedanke steht am Anfang des Romans, der nicht so traurig ist, wie er beginnt. Vor allem erzählt Skander von seinem Leben in der Banlieue von Paris ganz munter und ohne es zu bewerten. Doch fühlt er sich als gefangener eines Systems, dass die elternlosen, gefährdeten Kinder zwar leiblich gut versorgt, jedoch nicht auf ihre individuellen Sorgen und Ängste und auf besonderen Bedürfnisse eingeht.In seinem Debütroman vermeidet der Autor sämtliche Migranten-Klischees, und definiert auch seine Herkunft nicht genau. Die Tatsache jedoch, dass er bei Madame Khadidja in den Banlieues rund um Paris unterkommt, lässt schließen, dass Skander es schwerer hat als ein französisches Kind. Im fiktiven Ort Courseine leben viele Familien mit Migrationshintergrund, Streitereien zwischen jugendlichen Gangs und andere sozialen Probleme sind an der Tagesordnung. Der Originaltitel des Romans, Les Conditions idéales / Ideale Bedingungen, bezieht sich auf die Arbeit der ASE (Aide sociale à l’enfance), der Kinder- und Jugendhilfe. Mit einem Jahr, vielleicht auch mit zwei, war, war er dort gelandet. „Das konnte ich nie verbergen, es war offenkundig.“Amoudi gelingt es, mit einfachen Worten und einem kindlichen Charme, die Leserinnen einzufangen. Weder Skander selbst, noch die schrullige Madame Khadija und auch die kleinen Drogendealer und Raufbolde sind verabscheuungswürdig. Sie sind alle in einem System von Vorurteilen und starren Regeln gefangen, aus dem es kein Entkommen gibt.
Doch wenn Skander, auch nur ein Teil von Mokhtar ist, so wird er das Leben packen. Zumindest die Reifeprüfung hat er geschafft und mit dem Zeugnis in der Tasche steigt er in den Zug nach Paris. Geld hat er keines, doch er ist zufrieden.„Außerdem würde man davon ohnehin nie genug haben. Das ist wie mit der Liebe. Damit muss man sich abfinden.“
Der Roman ist für den Prix Goncourt und den Prix Renaudot nominiert worden und hat den Prix Goncourt des Détenus, bei dem Häftlinge die Jury bilden, erhalten.
Mokhtar Amoudi: Ein ziemlich anderes Leben I Les Conditions idéales, aus dem Französischen von Alexandra Baisch. 304 Seiten, Luchterhand, 2026. € 23,70. E-Book € 17,99.