"Adagio Hammerklavier" für drei Paare © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

"Adagio Hammerklavier" für drei Paare © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Der dreiteilige Abend mit Werken von Hans van Manen, Jiří Kylián und dem jungen Choreografen Alexander Ekman ist nach der Premiere in der vergangenen Saison wieder auf dem Spielplan des Wiener Staatsballetts. Aufgefrischt und mit einigen Neubesetzungen. Zwei unsterbliche Werke der Neoklassik rahmen die Choreografie eines Meteors am Tanzhimmel ein. Also ein Abend, der jedem Geschmack etwas bietet, kühle Körpergeometrie, betörende Erotik und frohes Hüpfen in der Mitte. Das Publikum liebt die mehrteiligen Abende, sagen die Auslastungszahlen.

1973 hat Hans Van Manen das Adagio aus der Sonate für Hammerklavier von Ludwig van Beethoven für drei Paare choreografiert. 1995 hat Jiří Kylián sein Ballett „Bella Figura“ zum ersten Mal gezeigt. Und dieser Ekman? 31 ist er der Tänzer und Choreograf aus Schweden und will das Ballett neu erfinden. Mit „Cacti“, einem recht witzigen Stück von 2010, eroberte er den nach dem Schauspieler Laurence Olivier benannten Londoner Theaterpreis und den Beifall des Publikums von Den Hag bis Sidney, von Boston bis Wien. „Cacti“ ist auch an der Staatsoper ein Renner, der von zwei wunderbaren Balletten, „aus dem Museum“ würde Ekman sagen, ohne ein Naserümpfen erkennen zu lassen, umrahmt ist. "Cacti"– kräfteraubend und witzig, irrwitzig.

Dank des Regisseurs, Autors und Liebhaber des frühen Kinos Yosi Wanunu und seiner Gruppe toxic dreams, habe ich endlich begriffen, was Ekman will. Er hat eine Screwball-Komödie choreografiert. Skurril, irrational, unlogisch, überraschend, irrwitzig, samt einer gesprochen Abrechnung mit dem altmodischen Ballett. So gesehen kann ich den Kraftakt der 17 Tänzer_innen (nicht identifizierbar, weil in Unisex-Kostümen sportlich gekleidet) genießen. Ekman lässt niemanden an seine Kreation ran, auch das Licht (differenziert und frappierend – ein Ballett für sich) und das Bühnenbild mit transportablen hell leuchtenden Podesten, hat er selbst erdacht. Die Tänzer_innen haben Freude an den Spompanadeln, die sie machen dürfen und an den Kakteen, die dem Stück den Titel geben.
Das Publikum freut sich auch über das über die Bühnen spazierende Streichquartett, das mitunter auch den Text überlagert, der von Spenser Theberge stammt und so kritisch-gesitreich wie unsinnig ist. Ich bin mit „Cacti“ ausgesöhnt und warte, dass die Katze vom Himmel fällt.

Adagio für Eno Peçi, Nina Poláková. Alle Bilder © Wiener Staatsballett / Ashley Taylor Im von Christoph Eschenbach extrem langsam gespielten „Adagio“ debütiert Eszter Ledán als Partnerin von Vladimir Shishov, zappelt noch ein wenig bei den schnellen Schritten, fügt sich aber angenehm in das Sextett (Ketevan Papava mit Roman Lazik und – unnachahmlich als nahezu sakrales Paar Nina Poláková mit Eno Peçi). Van Manen inszeniert eine Geometrie der gestreckten Beine und in den Himmel ragenden Arme, mitunter scheinen die Paare (vor allem die Damen) auf den Tönen zu schweben. Das gelingt nicht immer, aber seit der Premiere immer besser. Das Publikum hat offenbargewusst, was es erwartet, ist nicht eingeschlafen und hat freudig applaudiert, als der letzte Pas gesetzt war.

Erotische Hypnose. „Bella Figura“ von Kylián wird zurecht als Abschluss des Abends gezeigt. So können die wunderbaren Bilder, die der Choreograf uns zeigt, im Gedächtnis bleiben. Noch bevor die Musik einsetzt und die Tänzer_innen (Papava, Poláková, Rebecca Horner, Ioanna Avraam, Lazik, Shishov, Richard Szabó, bereits routiniert, sowie Alice Firenze und der aufstrebende Star Jakob Feyferlik, ganz frisch) konzentriert ihre Pas de deux und Pas de trois beginnen, sind sie bereits auf der Bühne, dehnen, strecken sich, probieren manchen Schritt.

Jakob Feyferlick, Nina Poláková, Richard Szabó machen una bella figura Ab wann ist es wichtig,  „bella Figura, gute Figur“  zu machen? Wenn der Vorhang sich hebt, scheint es zu spät zu sein, darum ist er anfangs auch nicht da, öffnet nur später immer wieder neue Bildausschnitte. Wann ist es erlaubt, sich nicht mehr um die „gute Figur“ zu scheren?
Wenn der Vorhang fällt, der letzte Ton der schönen Musik (vor allem von den Barock-Komponisten Giovanni Battista Pergolesi, Alessandro. Marcello, Antonio Vivaldi und Giuseppe Torelli) verklungen ist? Oder erst wenn das Leben ausgehaucht ist? Die Tänzerinnen und Tänzer des Wiener Staatsballetts jedenfalls machen sie auf der Bühne in Trikots und leuchtend roten Röcken, mit nacktem Oberkörper, verführerisch, erotisch, hypnotisierend. „Bella Figura“ will ich immer wieder sehen, auch wenn ich selbst nicht immer eine mache und der letzte Pas de deux, in aller Stille vor dem flackernden Feuer getanzt (Szabó, Avraam), diesmal zu kühl geraten ist.

Van Manen ● Ekman ● Kylián: Adagio Hammerklavier | Cacti | Bella Figura. Musik von der CD., 26. September 2016, Wiener Staatsballett in der Staatsoper.
Weitere Vorstellungen: 4., 8., 12. Oktober 2016.