Der Dichter und der Spion, eine Komödie
Der Spion ist am Ende, wie der kalte Krieg und die Sowjetunion. Es gibt für ihn Anfang der 1990er Jahre nichts mehr zu tun. Zu seinem Glück trifft Dieter Germeshausen, der Doppelagent, den einen aufsteigenden Stern am Dichterhimmel, Jakob Dreiser. Der eloquente junge Mann soll ihn bei seinem letzten großen Coup unterstützen. Aus dieser Idee bastelt Autor Kristof Magnusson den satirisch-komödiantischen Spionageroman die Reise ans Ende der Geschichte.
Natürlich ist nicht die Geschichte gemeint, die ich bald ziemlich unwillig bis zu Ende gelesen habe, sondern die Weltgeschichte, die die beiden Protagonisten aus unterschiedlicher Perspektive sehen. Der Poet träumt vom Weltfrieden und lässt sich willig zum Spion machen, um das große Abenteuer zu erleben. Vielleicht kann er ja später auch darüber schreiben. Der Beamte im 27. Dienstjahr, denn das ist Dieter Germeshausen, der als Verräter doppelt abkassiert hat, im Hauptberuf. Weder mit George Smiley noch mit James Bond verbindet ihn etwas, ein biederer, langweiliger Beamter, dessen Träume nach Pensionierung und Reichtum mich nicht wirklich interessieren.
Dreiser, der hochgelobte Dichter und Charmeur, hat mir auch nicht viel mehr zu bieten. Der Autor, also Kristof Magnusson, behauptet allerhand über seine Figuren – unter denen sich auch eine Italienischlehrerin, mit Hang zum KGB und eine resche Direktorin eines Hubschrauberwerkes in Kasachstan, wohin auch die ersten Reise des ungleichen Agenten-Gespanns führt, befindet –, doch er charakterisiert sie nicht, es sind Klischees mit der Papierschere ausgeschnitten und ihre Dialoge sind weder spritzig noch witzig. Die Spannung soll durch den tollkühnen Plan des korrupten, beamteten Pseudospions erzeugt werden. Magnusson macht daraus ein sich dehnendes Roadmovie.
Mit Begeisterung habe ich Magnussons Roman Ein Mann der Kunst, einen Roman voll sprühenden Humor und boshaften Anspielungen auf die Szene der bildenden Kunst, auf die Künstlerinnen und deren hechelnden Verehrerinnen, gelesen. In diesen sich selbst darstellenden Kreisen von Kunstliebhaberinnen und Fördervereinen kennt sich der Autor aus, die Spionageringe sind ihm fremd und bleiben es auch der Leserin während der Lektüre. Die Geschichte bleibt an der Oberfläche und man ist verstimmt, weil man den Krampf spürt, mit dem eine Satire geschrieben werden soll. Aber vielleicht liegt es wieder einmal an der Humordifferenz zwischen der Donau und dem Rhein. Als Anhängerin der britischen Spionageromane von John le Carré bis Mick Herron erscheint mir Die Reise ans Ende der Geschichte etwas schal und mäßig unterhaltsam, gut geeignet als Lektüre während einer langen Zugfahrt
Der deutsch-isländische Übersetzer und Schriftsteller Kristof Magnusson, geboren 1976 und mehrfach mit Stipendien, Residenzen und auch Preisen belohnt, wartet mit einem dicken Werkkatalog auf. Erzählungen, Essays, Reportagen, Romane und auch Theaterstücke füllen die Liste. Überdies engagiert sich gern als Juror für Literatur und Übersetzung. Nach seinem Studium der Kirchenmusik hat er sich dem kreativen Schreiben zugewandt, um dieses später selbst zu unterrichten. So war er zwei Wintersemester als Gastprofessor in Leipzig und danach im Winter 2015/15 Poetikdozent an der Hochschule RheinMain.
Frage ich LeChat, meine Katze, nach dem Titel des Magnusson-Romans so erhalte ich einen Buchtitel aus dem Jahr 1992. Das Ende der Geschichte (The End of History and the Last Man, 1992) ist ein zum Buch erweiterter Essay des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama (geboren 1952), in dem er behauptet, nach dem Zerfall der Sowjetunion werde sich die liberale Demokratie gegen alle System durchsetzen. An diese Utopie glaubt auch der Dichterling in Magnussons Reise. Daran haben wir doch alle geglaubt, die Generation der Groß und Urgroßeltern nach dem Weltkriegsende und die sogenannte Gen Z nach der Wende. Kaum vierzig Jahre nach dem Kriegsende und nur 12 Monate nach Ende des Kalten Krieges war der Traum in Europa zu Ende. 1992 begann der Bosnienkrieg und seit dem wissen wir, den Weltfrieden gibt es nur als Theorie, die Kriegsmaschinerie ist ein Perpetuum mobile, der Felsblock, den Sisyphos unter Schmerzen fortschaffen will. „Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter.“ so steht es in Homers Odyssee, übersetzt von Wolfgang Schadewaldt, geschrieben.
Es ist der 1. März 2026 und die Beweise für Sisyphos’ erfolglose Arbeit stehen in en Schlagzeilen.
Zuletzt noch Erfreuliches: Der Autor hat mein Interesse an der Republik Kasachstan, einem Staat in Zentralasien und Osteuropa, geweckt. Um dorthin zu reisen, muss man weder Dichter noch Spion sein.
Kristof Magnusson: Die Reise ans Ende der Geschichte, 288 Seiten, Klett-Cotta, 2. Auflage 2026. € 25,70. E-Book € 19,99.