"Danza permanente" über Struktur einer unhörbaren Musik. © Thomas Dunn

"Danza permanente" über Struktur einer unhörbaren Musik. © Thomas Dunn

Nicht nur die Eröffnungsstücke – „Tanz“ von Florentina Holzinger und „Habitat“ von Doris Uhlich – machen neugierig auf die kommende Saison im Tanzquartier. Mit Namen wie Christine Gaigg, DD Dorvillier, Andrea Maurer, Meg Stuart, Alix Eynaudi oder Jefta von Dinther wird die lustvolle Neugierde weiter am Kochen gehalten. Ein dichtes Programm, klug gemischt aus nationalen oder in Wien lebenden Künstler*innen und internationalen Stargästen. Zur Eröffnung am 3. Oktober zeigt Florentina Holzinger in der Halle G eine Uraufführung: „Tanz – eine sylphidische Träumerei in Stunts“. Wiederholungen: 5., 11. und 12. 10. Am 25. Oktober besiedelt Doris Uhlich mit 120 Nackten die große Halle E: „Habitat“ nennt sie ihre neue Choreografie.

Florentina Holzinger hat die „sylphidische Träumerei“ mit Tänzerinnen zwischen 20 und 80 Jahren erarbeitet und lässt sie mit gefährlich aussehenden Stunts und schwanengleichen Armbewegungen über die Praxis des klassischen Balletts und den damit verbundenen Schönheitskult sinnieren. Betrace Cordua 2018. Die ehemalige Neumeier-Tänzerin tanzt für Florentina Holzinger in Wien und zeigt in ihrer Heimat auch eigene Soloprogramme. © Catherine Vitte / www.fr.deMitten unter den Bewegungskünstlerinnen aus allen Sparten (richtig, Holzinger arbeitet diesmal rein weiblich) ist auch eine, vor allem Ballettfans bekannte Tänzerin, die immer noch elegant ihre Arme schwingende ehemalige Ballerina in John Neumeiers Compagnie in Frankfurt, Beatrice Cordua. Sie hat 1972 in Neumeiers Choreografie „Le Sacre“, (nach Igor Strawinskys Ballettmusik „Le sacre du printemps“) einen kleinen Ballettskandal verursacht. Im rasanten Solo des Finales hat sie auf das ohnehin recht spärliche Kostüm verzichtet und ist splitternackt über die Bühne gerast. 1972! „Es musste einfach sein, Kunst, wirkliche Kunst ist immer radikal“, sagt sie heute. In der Wiener Staatsoper hat Rebecca Horner in ihrem atemberaubenden Schlusstanz (bekleidet) eine Ahnung davon gegeben, wie existenziell und umwerfend dieser Auftritt gewesen sein muss. Wer gar keinen Zugang zum romantischen Ballett, das Holzinger zum Ausgangspunkt ihrer Choreografie nimmt, hat, und genügend Englisch kann, höre sich vor der Vorstellung am 5.10. (18.15 Uhr) den Vortrag über „Tanz“ der Tanzhistorikerin Anna Leon an, die einen kurzen Einblick in die Geschichte des romantischen Balletts bietet, um auf die kräftigen Sylphiden Holzingers vorzubereiten. Florentina Holzinger, Choreografin © Apollonia Theresa BitzanAm 11. Oktober steht nach der Vorstellung die Choreografin selbst zur Verfügung, um über ihren künstlerischen Zugang (auf Deutsch) zu erzählen.

Die kleine Abschweifung in die Welt des Spitzenschuhs musste sein, auch wenn im Tanzquartier die rosa Bänder, wenn überhaupt, dann nur, um Kritik zu üben, um die Knöchel geschlungen werden. Es geht sehr oft gerade darum, alte Normen aufzubrechen, alte Vorstellung zu konterkarieren und den Blick auf Neues zu öffnen. Etwa auch 120 Tänzer*innen im Nacktkostüm. Wer sonst als Doris Uhlich traut sich, eine so riesige Choreografie zu erdenken. „Habitat“ sprengt – wie „Tanz“ von Holzinger – gängige Vorstellungen vom schönen oder richtigen Körper und wird in Wien nach der Premiere nur noch einmal, am Nationalfeiertag (26.10.) gezeigt.
Bemerkung von Betty Kogler, der künstlerischen Leiterin des Tanzquartier: „Mit Doris Uhlich bespielt erstmals in der Geschichte des TQW ein*e österreichische*r Künstler*in die Halle E.“
Man klaubt die Sensationen eben auf, wo sie liegen.

Der Themenschwerpunkt im Herbst ist den Wörtern gewidmet. Unter dem Motto „Word“ gehen Tänzer*innen, Choreograf*innen und Theoriekurator*innen der Frage nach, was die bisher nur durch Musik und Geräusche begleitete stumme Kunst bewegt, vermehrt die Stimme einzusetzen und Sprache und Text in ihre Performance einfließen zu lassen.

Zu Gast im TQ: DD Dorvillier mit "Danza permanente". Ein Beethoven Quartett nicht gehört, sondern dessen Struktur gesehen. © Thomas Dunn Noch einmal seien die illustren Gäste aufgezählt: Antonia Baehr, DD Dorvillier, die mit einem Interview im Mitte Oktober erscheinenden Kulturmagazin der Tageszeitung „Die Presse“ vorstellt wird, Zeena Parkins, Meg Stuart & Jompet Kuswidananto und schließlich und vor allem Jefta van Dinther, doch der kommt mit seinem (wie immer) unheimlichen Stück samt sechs Frauen erst am 12. Dezember auf die Bühne der Halle G. Auch am 13. und 14.12 sind die Damen unterschiedlichen Alters, die van Dinther im Cullberg Ballett und an der Kunstuni Stockholm rekrutiert hat, zu sehen, falls es nicht, wie so oft in van Dinthers Choreografien, die das Unsichtbare sichtbar und das Sichtbare unsichtbar machen, zu finster ist.

Nehme ich alles nur in allem, auch all das, das hier nicht aufgeführt ist – man könnte sich doch auch den Newsletter bestellen – , so muss ich feststellen, dass die künstlerische Leiterin Bettina Kogler gemeinsam mit Christa Spatt, der Programmverantwortlichen, und weil ohne Geld gar nichts geht, hat auch die kaufmännische Leiterin, Ulrike Heider-Lintschinger, ein Wörtchen mitzureden, also, dass dieses Triumfeminat ein hervorragendes, engagiertes und auch mutiges Programm anbietet. Kogler und Spatt haben nach der Direktion von Walter Heun die Türen des Tanzquartier noch weiter geöffnet und den Publikumskreis wesentlich erweitert, was auch ältere Semester betrifft, die als Zuschauer*innen, Zuhörer*innen und Mitdenker*innen gewonnen werden konnten. Jefta van Dinther: "The Quiet" ©  Ben MergelsbergIch wage das ohne Statistikkenntnisse zu sagen, weil ich es bei jedem Besuch mit neuerlichem Staunen sehe. Die anspruchsvolle Mischung aus in Wien lebenden Künstler*innen und Gästen von weither, aus Theorie und Praxis und die zahlreichen Angebote an Workshops, Training und Lectureperformances samt der Einbindung in internationale Netzwerke, lassen das Tanzquartier allmählich zu dem werden, was es immer schon sein sollte und im flämischen Leuwen oder Brüssel oder auch Barcelona bereits existiert. Das Team, das alle Aktivitäten samt Bibliothek und Meditahek stemmt, finden sie auf der tqw-website.
Die Probe aufs Exempel des Behaupteten, kann jede(r) bei einem besonderen Projekt von Alix Eynaudi machen und sich zugleich verzaubern lassen. „Enchantées“ (Eine Wortbildung der Französin Eynaudi, das Adjektiv enschanté(e) bedeutet ebenso „sehr erfreut“, wie „verzaubert, verwunschen“), heißt es vom 3. bis 7. November, wenn Eynaudi an vier Abenden in einem von ihr gestalteten Setting als Tänzerin auf vier junge Künstler*innen/Kurator*innen – allesamt Dissertant*innen an der Akademie der bildenden Künste Wien –  trifft Die charismatische Tänzerin Alix Eynaudi mit Mark Lorimer in „Redefining Action(ism)“  ImPulsTanz 2015, mumok. © Carollina Miernikund mit ihnen in Lectureperformances die Bereiche Tanz und Choreografie lose umkreist. Wer Alix Eynaudi kennt, weiß längst, dass bei ihr alles möglich ist und nichts unmöglich, doch diesmal verspricht sie „kleine Akte (der Freude und) der Imagination". Am letzten Tag dieses möglichen Unmöglichen erobert sie die Bühne der Halle G. „Deep Hanging Out Day. Parallel encounters – session #1 in G major for Alix Eynaudi“ ist ein Konzert für und mit Eynaudi und anderen, bei dem der Tänzer und Sänger Alex Franz Zehetbauer zum Bartender wird und Cocktails ausschenkt. Der Zauber in G-Dur beginnt um 18 Uhr. Das detaillierte Programm der Lectureperformances finden Sie hier.

Tanzquartier: Programmvorstellung für die Saison 2019/20 mit Bettina Kolger Christa Spatt und anderen. 12. September 2019. Tanzquartier