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ImPulsTanz [8:tension]: Haut an Haut

Nach zwei Showings im Wiener Tanzquartier im Rahmen des diesjährigen Rakete-Festivals ist Alina Arshi mit ihrem Stück States of bewilderment erneut in Wien zu Gast. Im Rahmen der ImPulsTanz-Reihe [8:tension] zeigte die Choreografin ihre jüngste Arbeit, in der sie selbst gemeinsam mit der Performancekünstlerin Juliette Uzor Tanz in eine neue Dimension choreografischer Intimität führt.
Die Performance beginnt im Foyer des großen WUK-Saales. Alina Arshi und Juliette Uzor betreten zwei voneinander getrennte Podien von rund ein mal einem Meter, das eine höher als das andere. Sie steigen auf – nicht in – Sommersandalen aus Holz und beginnen sich zu bewegen. Das klingt noch nicht besonders radikal. Auch nicht, dass beide Tänzerinnen nackt sind. Doch die Art, wie Uzor und Arshi in den folgenden rund zwanzig Minuten hier und anschließend im Saal weitere 30 Minuten lang ihre Körper bewegen, zur Schau stellen und ineinander fließen lassen, ist dann doch eine intensive Begegnung. Körperlich wie emotional. Und für alle Beteiligten. Das liegt vor allem daran, wie die beiden Tänzer:innen ihre Nacktheit in skulpturale Körperbilder übersetzen. 
Während Arshi, die mit ihrer Association Kaam Kaaj („Tätige Arbeit“) für Konzept und Choreografie verantwortlich zeichnet, ihren Körper, vor allem aber ihr Gesicht, dessen Ausdruckspalette enorm ist, beständig verrenkt, ihre Grimassen Verletztheit, Schmerz bis hin zu Abscheu zitieren, bleibt Uzor vorerst demonstrativ souverän. Die Hände auf die gebeugten Knie gestützt, lächelt sie mal freundlicher, dann provokanter in die nur Zentimeter von den beiden Frauen stehende Menge. Die Musik wechselt dabei von spanischem Pop über Soul bis Rock. Gegen Ende des ersten Teils kommen die Tänzerinnen von ihren Podien, spreizen ihre Beine zwischen den Zusehenden weit in die Höhe, zeigen Geschlechtsteile, Armbeugen, bewegen Schulterblätter, Nacken, hocken sich auf den Boden oder springen auf die Theke.
Zwischenräume lösen sich auf. Die Bandbreite auf skulpturaler wie musikalischer Ebene bleibt auch nach dem Wechsel in den Saal erhalten. Durch das Zusammenspiel der oft nur zitierten Musikstücke einer verworrenen Hypermoderne mit der Nacktheit der beiden Performerinnen in unmittelbarer Nähe zum Publikum, entstehen neue Interpretationsebenen. Es ist diese ultimative Distanzlosigkeit, die einen Zustand der Verstörung – bewilderment – erzeugt, der man sich kaum entziehen kann.
Von berührender Schonungslosigkeit. Der Saal ist für diese Performance laufstegartig angelegt, sodass das Publikum auf beiden Seiten der schmalen Bühnen näher an den beiden Tänzer:innen ist, die sich im zweiten Teil des Abends in einen choreografierten Ringkampf begeben. Sie rollen, robben, steigen übereinander, reiben Geschlecht an Achsel, halten sich an den Brüsten der anderen fest, pressen Gliedmaßen und Körpermitten gegen die Genitalien der anderen, recken die Arme hinter den eigenen Körper oder unter die Beine, den Kopf, die Leiste der anderen.
Die Variationen, sich dem anderen Körper anzunähern, während beide sich in diesem Spiel zigfach von einer Seite des Bühnenstegs zum anderen bewegen, scheinen kein Ende zu nehmen. Dabei beginnt das Fleisch skulptural zu werden, beginnt der Blick sich auf die Landschaften aus Fleisch zu konzentrieren, die entstehen.
Im dritten und letzten Teil der Performance setzen Uzor und Arshi ihre zunehmend repetitiven Bewegungen in einen neuen Kontext: Sie schließen einen bunten Haufen von Wäschestücken an einem Ende der Bühnen mit ihren Körpern in ihren Tanz ein, um die Teile von Bewegung zu Bewegung der jeweils anderen anzuziehen. Wobei die Bilder, die entstehen, nicht ganz einem Begriff von „Bekleiden“ entsprechen. Vielmehr wird weiter gerissen, gezerrt, gezogen, sitzt der Slip schief, kommt das Hosenbein nicht und nicht über die dazu passende Extremität, ragt die Brust aus dem Leibchen heraus.
Bewilderment als körperliche Desorientierung auch hier – nun im Sinne von Dingen, die auf irritierende Weise nicht an die ihnen zugedachten Stellen passen.
Fast fashion auf kompromisslosem somatischem Prüfstand.
Arshis kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Körper als konkretem wie abstraktem Werkzeug findet in States of bewilderment eine konsequente performative Ausformulierung.
Uraufgeführt im Oktober 2025 im Genfer Pavillon ADC im Rahmen des Nachwuchsfestivals Emergentia überzeugt dieser eindringliche Gegenentwurf zur gesellschaftlich normierten Distanzlosigkeit.
Alina Arshi/Kaam Kaaj: States of bewilderment
Choreografie: Alina Arshi; Performance: Alina Arshi und Juliette Uzor; choreografische Assistenz: Marie Jeger; Licht, Raumgestaltung, technische Leitung: Charlotte Roche-Meredith; Sound: Rudy Decelière; Kostüme: Emma Bertuchoz;
Fotos: Brigham Baker, Giorgia Filipponi
ImPulsTanz [8:tension] im WUK 21., 22., 23.7. 2026.