
brut: Bunte Momente mit Frans Poelstra

Ein Leben lang hat der Schauspieler Frans Poelstra vorgegeben, er sei ein Tänzer. Jetzt, mit 71, ist er zu alt um den Tänzer zu spielen, aber immer noch zu jung, um die Bühne zu verlassen. Der Bühnenkünstler will keine Rollen mehr spielen, im Moment mit dem Publikum will Frans nur noch Frans sein, sagt er. Das ist im Grunde immer, so auch in seinem jüngsten Stück, This Moment with You, das er am 28.4. im Studio brut gezeigt hat.
Frans bleibt Frans. Ein begabter und disziplinierter Künstler, ein sympathischer, liebevoller Freund, ein Träumer, der sein Publikum mit Charme und Selbstironie, mit trockenem Humor und klugem Ernst umgarnt. Er nimmt das Leben, dessen wechselnde Regeln und auch sich selbst nicht wirklich ernst, bleibt offen und tolerant. Den Ernst braucht er, für seine Arbeit und den Momenten mit dem Publikum. 
Im Grunde ist Frans ein Geschichtenerzähler. Er kramt in seinen Erinnerungen, oder lässt sich welche einfallen. Diesmal warten die Objekte im Erinnerungspalast als verschnürte, verklebte Überraschungspakete in einer Ecke der Bühne: etwa ein Bettvorleger vielleicht auch ein Gebetsteppich, eine rote Langhaarperücke, ein ellenlanger Rohrstock oder Jonglierbälle kommen da zum Vorschein. Mir scheint, zuerst waren die Objekte, dann kam die Idee, wozu sie dienen könnten. Was ist wahr und was ausgedacht? Noch einmal: Frans bleibt Frans, echt und real. Oder doch nicht?
Ist auch egal. Unterhaltsam ist Frans P. allemal, auch wenn er es ernst meint und seine Ansichten wie eine Predigt klingen lässt. Nicht immer bietet die lässige Darstellung / das scheinbar naive Sein des Künstlers puren Genuss. Da ist mir dann zu viele doppelte Böden, zu viele Lücken zwischen den Zeilen und mir schwindelt, vor der Frage wem ich zuschaue. Einem Performer der Frans spielt, oder Frans P., der Opa Frans ist oder ein Schauspieler, der vorgibt ein Tänzer zu sein, auch wenn er im Subtitel seines aktuellen Stückes, sagt er sei zu alt, um weiterhin zu täuschen.
Jedenfalls tanzt Frans Poelstra am Ende seiner Performance, als elegante Bühnenfigur, selbstvergessen und anmutig. Davor macht er uns klar, dass wir das Leben nicht kontrollieren können und Frans seine eigene, persönliche Art hat, sich auf der Bühne zu präsentieren.
Ob er allein, zu zweit oder im Team auf der Bühne agiert, ob er zwischen dem Wirklichen mit dem Unwirklichen, dem Realen mit dem Fantastischen pendelt,
seine Rolle ist immer die des Frans Poelstra, und die spielt er (besser: ist er) mit einem feinen Lächeln, authentisch, tolerant und für alles offen. Nicht zu übersehen; Fransens koketter Flirt mit seinem Alter.
Mir scheint, Frans zäumt das shakespearesche Pferd von hinten auf. Für ihn ist die Bühne die ganze (persönliche) Welt.
Dort kann er reflektieren und erfinden, er selbst sein und sich selbst spielen, um mit dem Auditorium in Kontakt zu treten. Das tut er zum Beispiel auch, indem er seinen englischen Text als Übertitel auf Deutsch zeigt. Agnes Schneidewind hat übersetzt und die Übertitel präzise und textgetreu eingespielt. Frans plaudert Englisch, ich lese Deutsch. Ein Service der Sonderklasse.
Gar nicht spricht sein Kollege und langjähriger Bühnenpartner Robert Steijn. Er ist nicht nur für Text und Dramaturgie zuständig, sondern spielt (ist) auch der Hausmeister und Bühnenarbeiter dieses Moments für uns, dekoriert, räumt auf und wieder ab und assistiert als stummer, nahezu unsichtbarer Gast.
Premierenapplaus ist kein Werturteil und sagt nichts über die Zufriedenheit eines Publikums aus. Geladene Gäste in den großen Häusern, Freundinnen und Kolleginnen in der Freien Szene fühlen sich bemüßigt dem üblichen Applaus auch Geheule, Pfiffe, Kreischen hinzuzufügen. Frans Poelstra braucht weder Freundinnen noch Kollegen in den Reihen, der allgemeine Ausdruck der Begeisterung steht ihm zu. Die Bühne ist sein Zuhause, wund geklatschte Hände sein Lohn.
Frans Poelstra: This Moment With You, Uraufführung: brut Studio, 28. April 2026. Zusatzvorstellungen: 29. und 30. 4.
Performance, Musik & Set Design: Frans Poelstra
Text & Dramaturgie: Robert Steijn, künstlerische Mitarbeit: Anna Mendelssohn; Musik: Frans Poelstra, Manuel Riegler; Lichttechnik: Lucas Gruber; Soundtechnik: Lisa-Maria Hollaus; Kostüm: Lotte Poelstra, Übersetzung & Übertitel: Agnes Schneidewind. Fotos: © Maximilian Pramatarov.