Eric Kandel zu Besuch in Wien. © der standard.at /youtube

Eric Kandel zu Besuch in Wien. © der standard.at /youtube

Eric Kandel, mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Neurowissenschaftler und Psychiater, betrachtet in seinem neuesten Buch das Gehirn mit den Augen eines Biologen. Geboten werden diesmal keine Neuigkeiten aus der Gehirnforschung, sondern ein Rundblick auf die Fülle der Erkenntnisse über die Arbeit des Gehirns. Kandel geht dabei von den Störungen und Fehlfunktionen des Gehirns aus, um den Menschen besser zu verstehen. „Was Störungen des Gehirns über uns selbst aussagen“, ist der übersetzte Untertitel des Originalwerks: „The Disordered Mind / Der gestörte Geist“.

Schon in seinen früheren Werken hat Kandel bewiesen, dass er komplizierte Vorgänge, komplexe Forschungsprozesse und deren Ergebnisse so klar darstellen kann, dass auch interessierte Laien sie verstehen können. Computerillustration des menschlichen Gehirns. ©  Imago / RogervHarrisAuch die Beschreibungen von Fehlfunktionen des Gehirns und die Schlüsse die daraus für alle Menschen zu ziehen  sind,sind im Stil amerikanischer Sachbücher geschrieben. Das bedeutet: Zahrleiche Beispiele aus dem Leben abseits des Forschungslabors, Anekdoten, Originalton Betroffener und natürlich eigene Erfahrungen werden samt Quellenangaben zu einem flüssig zu lesenden Werk zusammengefügt.Peter Meyer [Pseudonym bei Prinzhorn Moog] (*22.3.1872 , +14.3.1930)  «Domine, non sum dignus ...» [Abendmahl], 1918. © Sammlung Prinzhorn, Inv.Nr. 101 / Buchillustration, Siedler Verlag.

So wird verständlich, was Autismus ist, wie der Mensch, oder eigentlich das Gehirn, Entscheidungen trifft und auch wie Gefühle entstehen und dass wir nicht alle bewusst erleben. Der Biologie der Gefühle ist ein überaus spannendes Kapitel gewidmet, in dem Kandel zwischen bewussten und unbewussten Gefühlen, die Charles Darwin bereits bei Tieren und Kindern entdeckt hat, unterscheidet. Ebenso interessant sind seine Ausführungen und Zitate über Geschlechtsidentität und die sexuelle Differenzierung des Gehirns. Die eigentliche (innere) Geschlechtsidentität stimmt nicht immer mit dem anatomischen Geschlecht überein. Die Differenzen sind möglich, „weil das anatomischeGeschlecht und die Geschlechtsidentität getrennt voneinander und zu verschiedenen Zeitpunkten im Laufe unserer Entwicklung festgelegt werden. […] Die Geschlechtsidentität ist eine Funktion des Gehirns.“ 

Sternzellen, die Mehrheit der Nervenzellen im zentralen Nervensystem. © Ben Brahim Mohammed / free licenseAuch der Kunst von an Schizophrenie erkrankten Menschen widmet Kandel ein Kapitel. Für alle, die je von den Werken aus der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, wie heute gemeinhin die Kunst von Psychiatriepatienten genannt wird, ergriffen waren, sind diese Ausführungen besonders erhellend. Dass Kreativität im Zusammenhang steht, ist, so ergeben aktuelle Forschungen, „ein romantischer Fehlschluss“. Kreativität ist jedem Menschen inne, Wahnsinn macht keine Genies. Doch kann eine Psychose Kräfte freisetzen, die sich möglicherweise durch Konventionen in Familie und Gesellschaft nicht entfalten würden. Manche Forscher*innen sehen auch eine genetische Korrelation von Kreativität und Störungen im Gehirn. Buchcover. © Siedler VerlagIm Grunde, so meint Kandel, sind psychotische Zustände häufig nichts anderes als „dramatische Ausdrucksformen von Charakteren und Temperamenten, die auch in der allgemeinen Bevölkerung vorkommen.“

Für Kandel sind die Bemühungen aller Wissenschaftlergenerationen, die Biologie des Gehirns zu erforschen, um das Denken und Handeln der Menschen unter neuen Gesichtspunkten zu verstehen, ein Weg zu einem „neuen Humanismus“, der „unser Verständnis für einander bereichert“. Ein guter Grund, etwas mehr über die Funktionsweise des Gehirns zu erfahren.

Eric R. Kandel: „Was ist der Mensch? Störungen des Gehirns und was sie über die menschliche Natur verraten / The Disordered Mind. What Unusual Brains Tell Us About Ourselves”, übersetzt von Sebastian Vogel, Siedler 2018. 368 Seiten mit Abbildungen. € 30,90. E-Book: €  25,00.