Die Protagonisten Philip und Renate (Rupp, Casar) © Thimfilm

Die Protagonisten Philip und Renate (Rupp, Casar) © Thimfilm

Die 78jährige Erika Bode möchte ihre Firmenanteile dem Sohn Jochen entziehen und ihrem Neffen Philip Ullich anvertrauen. Noch bevor sie unterschreiben kann, ist sie tot. Doch während der Sohn die Polizei ruft, weil er Mord vermutet, sitzt Erika wieder am Konferenztisch und unterschreibt. Sie ist nicht die einzige Tote die wieder lebendig auftaucht. Virgil Widrichs Film „Die Nacht der 1000 Stunden“ ist ein Spiel mit der Zeit – die Vergangenheit kehrt mit den Ahnen zurück an den Familientisch.

Der Plot gehört ins Genre des Kriminalfilms. Unter alle den Toten, die wieder lebendig sind, aber nicht älter als zum Zeitpunkt ihres Todes, sodass die Tochter mit 78 ihrer 38jährigen Mutter begegnet, fehlt einer: Hermann Ullich, Großvater Philips, der zentralen Person dieses Verwirrspiels. Wenn alle Toten wieder auferstanden sind, dann muss sich die Familie fragen, wieso Hermann fehlt. Der Polizist mit Pickelhaube, 1860–1916, fragt forsch: Wo ist die Leiche? Da meldet sich ein Unbekannter aus dem Sarg: „Die Leiche bin ich“. Hermann, Jahrgang 1899, das stellt sich bald heraus, ist 1945 nicht beim Bombenangriff auf den Wiener Philipphof gestorben.  Renate (Amira Casar): Aus der Zeit gefallen. © Thimfilm

Das weibliche Faktotum der Familien Ullich / Bode, die uralte Servierdame, weiß alles, sagt aber nichts. Lediglich Renate Bode, der ersten Frau Hermann Ullichs, die sich angeblich selbst gemordet hat, flüstert sie die Wahrheit zu. Renate kann sich nicht erinnern, wie sie gestorben ist und beginnt ihre eigene Vergangenheit zu recherchieren. Dabei ist ihr Großneffe Philip, mit dem sie ein Verhältnis beginnt, hilfreich. Der nämlich will auch endlich wissen, in welchem Keller die Leichen der Familie liegen. So öffnet er verschlossene Türen und Tresore und geistert in der Vergangenheit umher, die für ihn Gegenwart ist. Laurence Rupp als Philip. Träumt er oder ist er wach?Der Darsteller Philips, Laurence Rupp, ist übrigens zur Zeit live in der Wiener Staatsoper, wo er den Dichter in Daniel Proiettos Ballett „Blanc“ spricht, zu sehen.

Regisseur und Drehbuchautor (mit tatkräftiger Unterstützung des renommierten Filmdramaturgen und Drehbuchautors Jean-Claude Carrière, *1931) Virgil Widrich schafft es großartig, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verschmelzen, durch die Verwendung der Rückprojektion eine unheimliche und unwirkliche Atmosphäre zu erzeugen und mich total in die Geschichte hineinzuziehen. Die Darsteller_innen erscheinen ganz in ihrer Zeit verhaftet, ihre Haltung und Sprechweise ist die der Menschen von damals, sie sind stehen gelbieben, als sie gestorben sind. Überaus köstlich: Udo Samel als Polizist der k. u. k Monarchie, oder Luc Feit (auch in Dieter Berners eben in den Kinos gezeigten Film „Egon Schiele“ zu sehen) als rationaler Arzt Fritz Wisek, ein aus dem Totenreich Zurückgekommener, der wissen will, ob ein Toter noch einmal sterben kann. Nicht zu vergessen die Darstellerin der Servierdame Claire Johnston, seit ihrer Rolle in „Das Mädchen mit dem Perlohrring“ (Peter Webber, 2003) auf weißhaarige alte Damen spezialisiert. Sie hält den roten Faden in der Hand, an dem sich der Clan vor und zurückhangelt.  Die Nazibuben, heute wie damals (Lukas Miko, mitte, ist Jochen Bode, Philips enterbter Cousin)

Widrich spielt nicht nur mit der Zeit – lässt längst verstaubte Uhren wieder schlagen, antike Modelle von Wandtelefonen läuten und unter flackerndem Licht das Kaiserreich mit den Toten im Philipphof verschmelzen –, er erzählt auch durch die optisch genaue Zuordnung der Wiedererstandenen in ihre Zeit, und die gar nicht genaue Ortung des Genres ein Stück Filmgeschichte.

Familie bei mFrühtück im grünen Zimmer © alle Bilder ThimfilmDie Hauptrolle spielt eigentlich ein nicht vorhandenes Gebäude, Wohnhaus und Firmensitz von „Ullich & Cie“, das es nur als digitale Version gibt. Mit der Technik der Rückprojektion werden die einzelnen, recht unterschiedlichen Räume auf das Set projiziert. Man sieht die Familie beim Frühstück und bei einem noblen Ball, im Schlafzimmer und lernt auch die geheime Abhöranlage (Ullich & Cie stellt Telefonapparate her) im virtuellen Wiener Haus, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden, kennen.

Real und fiktiv zugleich, witzig und spannend, technisch hochambitioniert und durchaus unterhaltsam. Aber auch mit einem Blick auf jene politische Realität, die nicht nur Österreich derzeit zu schaffen macht. Regisseur und Autor Virgil Widrich (links in Rückprpjektion)
„Die Rückkehr der Toten steht auch dafür, dass es Ideen gibt, die einfach nicht sterben wollen“, erklärt Regisseur Widrich. Philip der jüngste Spross’ des Clans soll als Unschuldslamm leben dürfen, deshalb werden die Geheimnisse bewahrt. Doch damit wird ihm auch die Freiheit verwehrt. Er will wissen.

„Die Nacht der 1000 Stunden“ von Virgil Widrich. Mit Laurence Rupp, Amira Casar, Linde Prelog, Johann Adam Oest, Udo Samel und vielen anderen. Bildgestaltung Christina Berger; Musik Siegfried Friedrich. Produktion Amour Fou Luxemburg / Vienna. Verleih: Thimfilm.
Ab 18. November 2016 in den Kinos.