"aCORdo" – Vier Interpreten aus den Favelas. © Bea Borgers

"aCORdo" – Vier Interpreten aus den Favelas. © Bea Borgers

Agitationstheater im Stübchen. Die brasilianische Choreografin Alice Ripoll geht mit ihrer Gruppe Cia Rec auf das Verhältnis zwischen oben und unten, zwischen Besitzenden und Besitzlosen in Rio de Janeiro ein. „aCORdo“ („Vereinbarung“, das portugiesische Wort „cor“ bedeutet Farbe) ist 2017 als Auftragswerk für ein Festival in Rio entstanden und setzt sich mit der Einstellung der Stadt zu ihren Bewohner*innen auseinander. Vier Performer agieren in einem kleinen Raum, das Publikum muss nolens volens mitspielen. Am 14. Mai hat „aCORdo“ in der ehemaligen Eierbörse im Oden, einem schönen Zimmer mit großen Fenstern, Lustern an der Decken und Parkettboden unter den Füßen stattgefunden.

In Rio, erklärt Ripoll, werden die Bewohner der Armenviertel durch permanente, nahezu ritualisierte Kontrollen gedemütigt, eingeschüchtert und aus der Stadt ferngehalten, Alan Ferreira, Leandro Coala, Romulo Galvão, Zony Hewerton. ©  Bea Borgersum Bewohner*innen und Besucher*innen zu schützen. „Sobald sie eingeschüchtert sind, halten sie sich nicht mehr in der Stadt auf, sondern bewegen sich nur noch zwischen den Favelas hin und her. Die Stadt, die ihnen einst gehörte, existiert für sie nicht mehr. Die ,Kontrolle‘ ist eine Grenze.“ Das erfahren die Besucher*innen allerdings erst nach der Aktion, davor gibt es keine Erklärungen. So geht die bedrückend begonnene Aktion in Gekicher und Gelächter unter.

Die Sessel sind als U aufgestellt, die vier Männer („Interpreten“, nennt sie Ripoll) agieren nahe an den Zuschauern. Zu Beginn aber liegen sie eng aneinander geschmiegt auf dem Boden, scheinen zu schlafen. Ein Tanz wird gewagt, doch Fröhlichkeit kommt keine auf. © Bea BorgersSie rollen sich übereinander, bedrängen einander, bilden einen Haufen, in dem einer vom anderen abhängt, wenn der Unterste im Gemenge sich bewegt, stürzt das instabile Gebäude zusammen. Später richten sie sich auf, wagen mit zögernden Schritten ein Tänzchen, fröhlich sehen sie dabei nicht aus. Schließlich heben sie einander hoch, drei tragen einen Körper, wie den Sarg bei einem Begräbnis. Meine Stimmung ist düster, ich fühle mich bedroht wenn das Quartett sich zu einem fauchenden, knurrenden Knäuel zusammenrottet. Ein Rudel Wölfen begibt sich auf die Jagd, wir werden die Gejagten sein.

Der sanfte Anfang dieses zweiten Teils täuscht. Es wirkt nahezu mitleiderregend, wenn einer der Interpreten auf Publikumsknie gelegt wird oder sich selbst auf einen fremden Schoß kuschelt. Dann aber werden Handtaschen, Schals Pullover geraubt, Brillen von den Nasen genommen, Schmuck entfernt. Teils wird die Beute unter dem Publikum verteilt, teils selbst behalten. Niemand protestiert, lachend warten die Gäste, dass auch sie an die Reihe kommen, ihnen das Telefon oder die Geldbörse weggenommen wird. Wird ein Toter zu Grab getragen? Oder nur eine müder Mensch gestützt?. © Bea Borgers

In 1960er / 70er Jahren wurden Passanten von solchem Agitationstheater auf der Straße überrascht. Ein Schock! Das sollte es auch sein. 2019 im warmen Zimmer mit dem schön polierten Parkettboden und dem Rotwein am Buffet wirkt die Performance tatsächlich wie ein Spiel. Ich weigere mich mitzuspielen. Die ausführliche und dankenswerter Weise nicht nur in Englisch gehaltene Programinformation erhält man erst nach der Aktion, die je nach Reaktion des Publikums und Laune der Interpreten unterschiedlich lang ist. Im aktuellen Fall knappe 40 Minuten. Am Ende muss das Publikum seine Sachen zurückerobern, die vier Interpreten, die, behängt und beladen mit dem geraubten Gut, Verbrechern gleich an der Wand stehen, durchsuchen. Jetzt ist das Publikum in der Rolle der Polizei, muss die Kontrolle durchführen, um die Reichen vor dem Chaos und dem „Kontakt mit dem Zorn der Verarmten“ (Ripoll) zu schützen. Wie Verbrecher stehen sie an der Wand. Aus dem Video der Uraufführung 2017. © Alice Ripoll / Cia RECDas Gelächter hält an.
Vor auf einem „FESTwochen“ eingestimmtes Publikum, im warmen Zimmer, fern von Elend und Not, kann dieses für Brasilien aktuelle Werk nicht aufgehen. Nach der Lektüre des Programzettels, könnte eine Diskussion einsetzen. Doch an die heilsame Wirkung von sozialem Theater glaube ich nicht, von Aktion und Agitation fühle ich mich belästigt. Wen die Angesprochenen bereitwillig mitmachen, die Demonstration für ein Spiel halten, weil doch alle wie im Kindergarten im Kreis sitzen, und das Publikum wenig Ahnung von den Verhältnissen im fernen Land, von dm man als Tourist*in schwärmt, hat, verkehrt sich der Sinn der Demonstration ins Gegenteil. Die Tränen entstehen durch das Gelächter.

Alice Ripoll / Cia REC: „aCORdo“, Regie: Alice Ripoll. Mit Alan Ferreira, Leandro Coala, Romulo Galvão, Tony Hewerton. Gesehen am 15. Mai 2019, Odeon / Eierbörse im Rahmen der Wiener Festwochen.
Die nächsten Vorstellungen finden im studio brut statt: 17., 18, 19. Mai 2019, 19 und 21.30 Uhr.